Jonah Matranga verwandelte das Weltruf in ein gemütliches Wohnzimmer

Sehnsucht auf den Stimmbändern

Kiel - Es gibt gute Tage, und es gibt weniger gute. Bis zum Abend hatte Jonah Matranga einen der unerfreulicheren Sorte. Doch der Sänger und Gitarrist aus San Francisco schafft es, das Weltruf in ein Wohnzimmer voll Gleichgesinnter zu verwandeln.

Abgesehen vom Auftritt ist das Tourleben oft eine Plage. Autobahnkilometer fressen, vor Ort Stress und Langeweile auf engstem Raum. Erst der Unfall kurz hinter Münster mit leichtem Blechschaden, einem pedantischen Unfallgegner und einem höflichen Polizist, aber auch der Sorge, wie die Angelegenheit ausgehen wird. Und dann liegt noch Iamani aus Oakland, der das Vorprogramm absolvieren sollte, mit schwerer Grippe in der Künstlerwohnung. Alles nicht so prickelnd. Aber die ein, zwei Stunden auf der Bühne entschädigen für vieles.

Man glaubt gar nicht, wie viel Sehnsucht auf ein paar Stimmbändern zum Schwingen gebracht werden kann. Mit seiner Gitarre steht Matranga zwischen den Treppenaufgängen im Justin-Timberlake-Shirt und versprüht reichlich Elan und Charme. Als Solist appelliert er direkt ans Emotionszentrum der entflammten Fans, die er mit den Emorock-Bands Far, New End Original, Onelinedrawing oder Gratitude um sich scharen konnte.

Trotz oder gerade wegen der sparsamen Instrumentierung schimmert Matrangas Händchen für Dynamik und Arrangements durch. Ein ständiges Auf und Ab. Und erst die Texte: Bei "I Want You To Be My Witness" fleht er die Geliebte an („Place in time measuring miles and years / Is such a waste, waste, waste because you could be here in my arms“), bei "Stay" legt er sein Herz in die Waagschale und wiegt es mit Worten auf („Honestly, I wouldn't say this again. Stay.“), bei "Hostage" kippt die Balance zwischen Flüstern und Schreien auf eine Seite, wenn Matranga kraftvoll „You never run away“ in den Raum wirft. Den Song kennen und lieben sie alle.

Besonders die Interpretationen von Prince' "Purple Rain" oder Weezers "Say It Ain't So" eignen sich hervorragend, einträchtig die eigene Stimme zu Beats und Cello aus der Konserve zu erheben. Und dann weiht Matranga ins „Screamo“-Projekt ein, bei dem auf weltweiten Konzerten Zuschauer an einer Songentstehung beteiligt werden. Heute live ins Laptop, morgen auf dem digitalen Weg nach L.A., eines Tages auf dem kommenden Far-Album. Hardcore für Einsteiger, Lektion 1: „This is what we do / We will fight trough / We will stay true“. Matranga zählt jeweils vier Schläge vor, dann wird Wort für Wort geschrien. Sein Kommentar: „Awesome!“ So ein Netter.

KN-Online