Auf der Klaviatur der Gefühle - Jonah Matranga im Weltruf

 

Kiel – Für Jonah Matranga ist die Ausgangssituation klar: Rockkonzerte wollen immer eine vermeintliche Perfektion ausstrahlen. Doch seiner Meinung nach dürften sie als Spiegel des Lebens nicht perfekt sein, denn das Leben sei nun mal alles andere als perfekt. Eher ein einziges Chaos. Trotz dieser These spült der Singer/Songwriter im Weltruf einen Auftritt an den Schiffsbug, der in vielerlei Hinsicht geradezu makellos zu nennen ist.

Schon am Nikolausabend 2007 gelang Matranga für viele Anwesende das Konzert des Jahres, und zahlreich sind sie wiedergekommen, um sich entweder erneut bestätigen oder von der Kunst des Sängers und Gitarristen aus San Francisco erstmalig überwältigen zu lassen. Doch zuvor: synchron geschriene Inbrunst, textliche Frage-Antwort-Spiele zweier Sänger, gestrichenes Cello. Das Trio Pull A Star Trip setzt in ihrem Set auf viel Tempo, viel Dringlichkeit und viel Text. Manches Mal von allem sogar zu viel – dann wirft es die drei aus der Kurve, man holpert durchs Unterholz und trifft sich zum Refrain wieder.

Aber der Habitus stimmt bei Steffen Kelle, Bartholomäus Rhymek und Philipp Thimm, dessen barfüßiges Cellospiel als unverbrauchte Klangfarbe den Bandsound neben den zwei Gitarren und dem Höhepunkt „Starving Geisha Net” ungemein belebt. Viele Komplimente daher anschließend am Merchandisingstand.

Wie beim Vortagskonzert in Berlin dient auch in Kiel „Purple Rain” von Prince als Matranga-Opener, im fließenden Übergang zu Radioheads „Fake Plastic Trees“, weil es mit demselben favorisierten Akkord beginnt. Allerletzte Zweifel an seinem Charme zerschlägt er beim Geburtstagsständchen für Weltruf-Chef Jens Lause und dem Bauchpinseln für Kiel-Spektiker.

Seine Konzerte sind stets eine Gratwanderung zwischen simpler Tränendrüsen-Ballade und emotionalem Tiefgang, doch der 38-Jährige meistert sie mit Bravour. Zu verdanken hat er dies seinem Gespür für Dynamik und Arrangements sowie dem gewissen Selbstverständnis, das folgerichtig nach 17-jähriger Schaffenszeit und vier namhaften Emorock-Bands eingekehrt ist. Matranga braucht sich nicht hinter einer Mucker-Coolness zu verstecken. Stattdessen wirkt er auf der Bühne wie ein unglaublich netter und höflicher Mensch, seine Stimme ein vokales Streicheln und eine wärmende Decke.

Viele Fans erkennen die Songs aus dem gesamten Oeuvre wieder, brüllen manche Textzeile leidenschaftlich mit – gerne dann, wenn auch Jonah faucht und sich der Streichelzoo kurzzeitig in ein Raubtiergehege verwandelt. Denn Matranga bekennt, dass es Phasen gegeben habe, als der Song „Hostage“ ihn vom Gefängnis abhielt. Auch seien Ideen und Menschen in dieser Zeit verloren gegangen, aber wie in „We Had A Deal“ gleiche es mitunter einem Gewinn durch Verlust.

Teilweise unterstützt vom Drum-Computer, hilft vor allem Cellist Philipp Thimm beim Hauptact aus. So entfaltet sich vortrefflich die Reichhaltigkeit an Esprit und Ehrlichkeit, sei es bei „I Want You To Be My Witness“, „Are You Sure” oder dem wunderschönen „Lukewarm”. Jonah Matranga appelliert direkt ans Herz, bietet mit „Superhero“ sowie der zart intonierten Textzeile „Love will find a way“ den ultimativen Emotions-Check: Wer an dieser Stelle nicht zumindest einmal laut aufseufzt, darf sich Sorgen um seinen Gefühlshaushalt machen.


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