Joo Kraus

Kein Tab Two mehr, kein Side-Projekte mehr und auch keine Gastauftritte bei De Phazz, Jazzkantine oder Klaus Doldinger mehr - Joo Kraus hat einen Schlussstrich gezogen und stattdessen mit „Public Jazz Lounge“ (Skip/edel Contraire) einmal ganz egoistisch sein Ding durchgezogen. „Mit der Soloplatte kam für mich eine völlig andere Dimension ins Spiel: Songauswahl, Programmieren, Aufnahmen oder auch das Cover“ fasst der rappende Trompeter die neuen Aufgaben als Solokünstler zusammen.

Das Album, das mit den Musikern der SWR Big Band entstand, sollte sich von normalen Big Band-Aufnahmen abheben und eine neue Soundästhetik fördern. Also kein Swing à la Glenn Miller oder Robbie Williams, sondern ein gekonnter Spagat zwischen Jazzpurismus und Lounge-Bar-Musik. Nach drei Jahren kreativer Pause hatte Kraus wieder genug Abstand vom Split mit Hellmut Hattler: „Anfangs ertappte ich mich dabei, weiterhin Songs im Tab Two-Stil zu schreiben. Nach und nach strömten aber wieder viele frische Einflüsse auf mich ein, so dass ich reif für einen Neubeginn war.“ Für die Aufnahmen im Stuttgarter Studio des SWR benötigten die Beteiligten nur zwei Wochen, die meiste Zeit ging anschließend für das Abmischen drauf. Ralf Schmid spielte dabei eine besondere Rolle, da er neben der Big Band-Leitung auch als Produzent und Ideengeber für Joo Kraus fungierte.

Viele alte Bekannte wie Roberto di Gioia oder Klaus Graf halfen ebenfalls mit, den Sound der ausklingenden 70er zu reproduzieren. Neben drei eigenen Kompositionen wählte der 37-Jährige vielfältige musikalische Vorgaben aus Jazz (Freddie Hubbard’s „Red Clay“ oder „Birdland“ von Joe Zawinul), Pop (Sting und Björk) oder R&B (Mary J. Blige und Earth, Wind & Fire). Kein Problem, so lange etwa George Benson’s „Give Me The Night“ derart unkonventionell in „Gib mir die Nacht“ umgewandelt wird – Joo Kraus kann hier sowohl an Trompeter als auch am Mikro glänzen. Doch der Ulmer ruht sich darauf nicht aus: „Seit letztem April nehme ich wieder Trompetenunterricht. Es ist ein weites Feld, wenn man sich ernsthaft mit seinem Instrument auseinandersetzen möchte.“

Henrik Drüner