Kaiser Chiefs - Abschied vom Indie-Ballermann

Selbst skeptische Hörer faszinierte der bisherige Erfolg der Kaiser Chiefs zu sehr, um jene komplett zu ignorieren. Und jetzt das: Statt grölenden Pubrock zelebriert das Quintett aus Leeds den Triumph des Geschmacks und der stilistischen Verfeinerung. "Off With Their Heads" heißt ihr neues, von großen Namen produziertes Album. Henrik Drüner hat es sich in London angehört.

Wie rotzfrech und vor Selbstüberschätzung strotzend erschien 2005 die Aussage im Booklet von "Employment", als man der Öffentlichkeit das eigene Debüt als eine "exciting new CD suitable for 6 million listeners" präsentierte. Doch muss man ihnen mittlerweile, nach dem stupenden Einstieg und dem dank "Ruby"-Bohei noch erfolgreicheren Nachfolger "Yours Truly Angry Mob", nachträglich recht geben. Auch ohne die exakte Zahl zu kennen. "Uns war es wichtig, keine Platte zu machen, bei der Meinungen und Kritiken bereits im Vorfeld feststehen und durch die neuen Songs bestätigt werden", beschreibt Gitarrist Andrew "Whitey" White die überraschende Neuverortung. Das Grobschlächtige und Plumpe wurde in den Hintergrund gerückt, am Indie-Ballermann haben sie sich freiwillig Hausverbot erteilt.

Eigentlich wollte die Band gar kein neues Album aufnehmen, sondern ein Jahr Pause machen. Doch schon nach drei Wochen der Enthaltsamkeit kam Langeweile auf, und es war mit dem Vorsatz schnell wieder vorbei. Sänger Ricky Wilson: "Eine Albumveröffentlichung gleicht möglicherweise dem Babykriegen. Es ist wirklich harte Arbeit, und man denkt sich: 'Das mach ich nicht noch mal durch!' Aber dann kommt man ins Grübeln und überlegt sich, wie es wäre, noch eines zu bekommen. So war es auch bei 'Off With Their Heads' - eher ein Unfall, als hätten wir keine Kondome benutzt!" Gekicher auf dem Sofa des Universal-Headquarters im Stadtteil Kensington. Selbst 30 Stunden nach dem Auftritt beim V Festival nordöstlich von London sind die Nachwirkungen von der Aftershow-Party bis sieben Uhr morgens noch zu spüren.

Dream-Team-Players: Mark Ronson, Lily Allen ...

Maßgeblichen Anteil an der neu entdeckten Vielfalt hat sicherlich Mark Ronson, momentan neben Brian Burton (alias Danger Mouse) ein Garant für geschmackvolle und innovative Produktionen. Im Februar kam sein Angebot, das Album zu betreuen, nachdem Wilson, White, Simon Rix (Bass), Nick "Peanut" Baines (Keyboards) und Nick Hodgson (Drums) nur ein paar Ideen austauschen wollten und kurzerhand mehrere Songs aus dem Ärmel schüttelten. Kaiser Chiefs sei es nicht darum gegangen, einen großen Namen zu verpflichten, dem im Grunde total egal sei, wen oder was er produziere. "Wir wollten jemanden, der sich komplett auf uns und die Musik einlassen konnte. Mark hätte es sonst auch nicht gemacht", versichert Ricky. Kollege Whitey kommt geradezu ins Schwärmen: "Er ist ein absoluter Profi, auf eine sehr unprofessionelle Art und Weise. Sein Studio ist unglaublich komfortabel, und überall hängen Musiker herum. Die meiste Zeit sitzt Mark an seinem Blog oder schreibt E-Mails. Er hat einfach frische Ideen, ist noch unverbraucht."

Die Songs überraschen mit Electro-Bass (Single "Never Miss A Beat"), perkussiven Tribal-Elementen ("You Want History"), Beatles'esken Pop-Balladen mit gehauchtem Gesang ("Remember You're A Girl") oder instrumentalen Wechselspielen, die an Talking Heads erinnern und sogar HipHop-Parts einstreuen ("Half The Truth"). Schon früh hatte Ronson verlauten lassen: "Es wird eine exzentrische Scheibe für eine solche Art Rockband."
Überhaupt, ein Dream-Team im direkten Studio-Umkreis: Als weiterer Produzent konnte Eliot James gewonnen werden, Filmmusik-Komponist David Arnold steuerte Streicher-Arrangements für "Like It Too Much" bei, und auch Andy Wallace durfte zum Finale nicht fehlen. Auf zwei Songs taucht Lily Allen als Gastsängerin auf, ebenso Tahita Bulmer von New Young Pony Club. Wilson: "Wir wollten nur eine weibliche Backgroundstimme. Dass es Lily geworden ist ... Es ist einfach passiert, wie so vieles bei dieser Platte. Plötzlich war sie da, als ob sie die ganze Zeit in einer Kiste im Studio eingesperrt gewesen wäre."

Respekt vor Oasis, äh, der Polizei

Es redet sich leicht und unbeschwert mit dem kommerziellen Erfolg im Rücken. Und wenn Noel Gallagher zum wiederholten Male über die Kaiser Chiefs lästert, ist auch dies ein gutes Zeichen, lässt es auf einen hohen Neidfaktor schließen. Bei einer Rückschau übertrifft man sich daher gegenseitig im Metaphern-Pingpong: "2005 waren wir die Startinjektion des UK-Sounds" - "Wir haben vielen Bands die Tür geöffnet" - "Sie haben geklopft, wir haben geöffnet" - "Sie haben die Gartentür geöffnet, wir sind ins Haus eingetreten". Sie, das sind für Ricky und Whitey die Arctic Monkeys, aber auch Franz Ferdinand. Und doch wirken Kaiser Chiefs unverstanden, wenn sie nörgeln, dass sie trotzdem irgendwie die Underdogs seien, obwohl sie mehr Platten verkauften. Diese unterschwelligen Zweifel belegt auch der Liedtext von "Tomato In The Rain", der das Gefühl beschreibt, wenn man sich so hilflos wie ein auf dem Rücken liegender Käfer fühlt.

Möglicherweise beruht die Underdog-Empfindung darauf, dass die beiden Ü30-Vertreter nur wenig Celebrity-Attitüde ausstrahlen. Stinknormale Typen, keine Skandale, wenig Glamour-Potenzial. Was sie einfordern: Respekt vor Autorität. "Die Kids scheren sich einen Dreck um alles. Ich hatte früher noch richtig Schiss vor einem Polizisten", so der Sänger. "Das ist heutzutage anders. Mein Bruder ist Polizist, und die Kids rufen ihm aus dem Fenster 'Wichser!' hinterher." Respekt und Anerkennung ist es im Grunde auch, was die Kaiser Chiefs für ihre Musik einfordern.

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