Kari Bremnes entführt im Kieler Schloss Besucher in ziemlich schöne Welten

Nordischer Wohlklang

 

Kiel – Klar, faszinierend, gefährlich – so beschreibt Kari Bremnes in einer der emphatischen Ansagen die Landschaft bei Spitzbergen. Es sei geradezu eine brutale Form von Schönheit. Was die norwegische Sängerin dabei nicht beabsichtigt haben wird: Im Vergleich zu ihrer Musik ergeben sich verblüffende Analogien. Das Konzert im sehr gut besuchten Kieler Schloss, gleichzeitig Tourabschluss und Kiel-Premiere, vertont die Hurtigruten in Moll.

„Wieder ist es ein weiter Weg zu fahren, und ich habe kein Schild gesehen“, singt Kari Bremnes im Eröffnungssong „Passelig Dose“ der aktuellen CD „Ly“. Ihre Konzerte sind immer auch eine Reise, die Suche und das Unterwegssein zentrale Antriebsfedern ihrer Kunst, geprägt von der Herkunft auf den Lofoten, einer Inselgruppe knapp südlich des Polarkreises, wo harsche Winter und regenreiche Sommer an der Seele nagen. Mittlerweile 16 Alben hat Kari Bremnes seit 1987 aufgenommen und ist mit ihnen zu etwas geworden, das in unserem Lande unbekannt ist: Gesangsikone und Heldin ihrer musikversessenen Landsleute.

Mit „Birds“, dem Song über einsame Möwen, norden sich die fünf Akteure auf der Bühne ein. Vier smarte Herren an den Instrumenten, eine überaus attraktive Dame am Mikrofon. Deren lichte Stimme wird mit jeder Menge Halleffekt belegt, um der melancholischen Melange aus Folk und Ambientpop die erwünschte Brian-Eno-Atmosphäre zu verleihen. Sobald diese wehmütigen Töne erklingen, sieht der Zuhörer vor dem inneren Auge unweigerlich Fjorde, den Himmel der Mittsommernacht und Polarlichter vorüberziehen.

Famos die Begleitung der Band, zumal transparent abgemischt: Bengt E. Hanssen lässt die Keyboardtasten funkeln und wandelt mit seinem Backgroundgesang gefährlich nah am Ethno-Kitsch, während Gitarrist Hallgrim Bratberg melodische Akzente setzt. In der Rhythmusfraktion ist es neben Bassist Sondre Meisfjord vor allem Perkussionist Helge Andreas Norbakken, der mit feinen Besenstrichen, unkonventionellen Klangutensilien und unverbrauchten Schlagtechniken begeistert. Ein Drum-Solo macht ihn gar zum Dschungelkönig.

Wo Musiker nur begleiten, existiert ein anderer Fixpunkt, in diesem Fall eindeutig Kari Bremnes. Mit Klunkern an den Fingern, Perlenkette und Rüschentuch ist sie sich ihrer Außenwirkung voll bewusst: Ruhige, fließende Bewegungen und kontrollierte Gesten verströmen Sexappeal, die pointierten, leicht gezierten Ansagen, die durchaus zum Konzept gehören, entwickeln Räume zum Nachklingen und Nachwirken.

Um den Inhalten ihrer teilweise norwegischen Songtexte näher zu kommen, führt Bremnes die darin besungenen Bilder im Vorfeld aus. Sie thematisiert menschliche Schicksale, wie den Taxi fahrenden Tänzer in Oslo, der nach der Trennung von seiner Freundin nicht mehr tanzen kann („Egentlig en danser“), mutige und kämpferische Frauen, die ihre Träume realisieren („Ytterste Pol“) oder merken, dass der Traum von einem besseren Leben eine Utopie bleibt. Sie betont den Wunsch, einen „blue day“ mit Sieben-Tage-Regenwetter-Stimmung genießen zu können, ohne sich gegenüber dem Partner rechtfertigen zu müssen. Und, wer hätte es gedacht: Das Norwegische und Deutsche hat in den Wörtern Schokolade, Angst, dumm, Finanzkrise oder Reise den gleichen Sprachschatz.

Wie Zuckerguss legt sich Bremnes’ Stimme über diese ruhigen, nachdenklichen Impressionen. Nur folgerichtig, dass in diesem bombastischen Wohlklang ein Song wie „Skrik“ – in Anlehnung an Munchs „Der Schrei“ – etwas oberflächlich interpretiert wird. Umso erfrischender klingt es, wenn die Band teilweise der Dynamik nachgeht und aus dem Kuschelklang eine differenziert agierende Begleitmaschinerie entsteht. Zwei stehend erklatschte Zugaben, Hunderte von beseelten Herzen.