Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen in der Schaubude

Durchschlagkräftiger Abschied von Hatto

 

Kiel – Der letzte Schaubuden-Abend unter Hatto Reimers Regiment. Ein Mix aus Wehmut, Nostalgie und hemmungsloser Feierlaune. Mit dem umgeschriebenen Text von „La Paloma“ sagen ihm die Musiker und Zuschauer „Danke und Tschüss“, denn einmal muss es vorbei sein: „Unsere Braut ist die Bude, nur ihr können wir treu sein / Wenn der Haussegen mal wieder schief hängt, winkt uns das Schaubudenglück“. Zuvor feilen Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen an ihrem Alleinstellungsmerkmal in der Kieler Musikszene.

K.Z.I.M.A.L.P.P. setzen neuerdings konsequent auf Polymethylmethacrylat, sprich: Plexiglas. Bass, Bassdrum, Hängetom, Gitarre – alles transparent, alles offen gelegt, keine Geheimnisse. Schon Weihnachten 2008 war der Termin vereinbart worden, Hatto habe der Konstanz ihrer Karriere Vertrauen geschenkt. Und das Trio, bestehend aus Jochen Gäde, Lars Stuhlmacher und Steffen Frahm, gibt dieses Vertrauen zurück. Wütend, präzise und kalt wie Hundeschnauze.

„Was ist seit Weihnachten passiert? Eigentlich nicht viel. Wir arbeiten an der Veröffentlichung unserer neuen EP mit sechs Stücken.“ Jochen Gäde als der gewohnt nonchalante Ansager zeigt an, wohin die Reise mit den Liebesgeschichten der außergewöhnlichen Art gehen soll. „Subunternehmer“, „Alles so passiert“ oder der Titelsong „Angeschossenes Wolf“ sind keine vordergründig ohrenfälligen Songs, mit Melodien wird geknausert, die Rhythmuswucht bleibt verblüffend.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass statt einer euphorischen Zuschauerreaktion eher das Erstaunen über die Präzision (Stuhlmacher am Bass), die Durchschlagskraft (Frahm am Schlagzeug) und die drastischen Texte (Gäde am Mikrofon) vorherrschen. Texte, die trotz aller Verbitterung noch eine gesunde Portion Galgenhumor transportieren. Bei „D.B.D.D.H.K.P.“ setzt Steffen Frahm Kopfhörer und Brille ab, Lars „Stulle“ Stuhlmacher positioniert sich in verrenkter Beinstellung, während Jochen Gäde den Tanz der Unkonventionellen tanzt und dabei frotzelt: „Keine Zähne im Maul, aber La Paloma pfeifen / keine Haare am Sack, aber rauchen / die Leber im Arsch und trotzdem saufen“.

Die bereits vertrauten Lieder „Schneeschieben“, „Halbe Stadt von unten“ oder „Und immer noch nicht gebumst“ leben von dem gehetzten Sprechgesang, dem ruhelosen Moment und der kategorischen Maschinenkühle, die teilweise durch den zusätzlichen Drumcomputer entsteht. Es gehört zweifelsohne zum Besten, was Kiel musikalisch aufbieten kann – doch es lässt die Zuschauer teilweise irritiert zurück.

Ein Ausbrecher gelingt mit „Prüne 14 (altes Haus)“, der selbst ernannten Powerpopballade. In diesem Stück über die Vergänglichkeit von Wohnraum, generell über den Schmerz von Trennung und die Ohnmacht, es nicht verhindern zu können, geben Refrain und Arrangement dieses bestimmte Gefühl: Hier passt alles. K.Z.I.M.A.L.P.P. spielen bis in den Mai hinein, vor der Eingangstür stehen die Leute wegen des Einlassstopps mittlerweile in Trauben, und der Rezensent möchte Hatto sagen: Danke für alles!

Nächstes Konzert: CD-Release-Gala, 30. Mai, Hansa48