"Ihr seid so steril!"


Jazzrock in vielen Spielarten: Kinoa in der Schaubude


Der Zwischenruf kam unerwartet und traf mitten hinein in die gelöste Stimmung vor der Zugabe: "Ihr seid so steril! Ein Krankenhaus ist dreckiger als ihr!" Wahrscheinlich nur die Meinung eines Einzelnen, aus dem sicheren Versteck der Kickertisch-Höhle. Wer das Konzert von Kinoa in der Schaubude miterlebt hatte, konnte aber erahnen, was ihn zu dieser Aussage getrieben haben mag – ganz gleich, ob berechtigt oder nicht.

Die fünfköpfige Band aus Kiel und Umland, die ihren Namen einem Restaurantbesuch beim Mexikaner verdankt, hat sich dem Jazzrock und seinen vielen Spielarten verschrieben. Mal mit Funk angereichert, mal mit Pop oder Blues: Eine Mischung aus eigenen Songs im Stile eines Mike Stern, Vital Information oder Jazz Crusaders mit dem unverbrauchten Repertoire der Siebziger und Achtziger.

Von Anfang an stach der glasklare Sound heraus, der perfekt abgemischt aus den Boxen perlte. Mit dem dezenten, aber wirkungsvollen Zusammenspiel von Tom Friel (Bass) und Jens Meier-Jankowski (Schlagzeug) wurde das Fundament gelegt für die Hauptsolisten. Besonders Werner Böhmler trohnte mit seinen drei Saxofonen über den Mitspielern, und sammelte mit einem samtweichen Ton viele Pluspunkte. So bekamen die sich wiederholenden Motive einen angenehmen Wiedererkennungswert, den die Gitarre (Michael Bieske) noch akzentreich unterstützte. Nahtlos schoben sich die beiden die Bälle des Protagonisten zu, unterbrochen nur von Jens Bartuleit an den Tasten.

Für die mit Hall zugekleisterten, altmodischen Keyboardsounds musste man schon ein Faible haben – anderenfalls trübten sie so manches Solo und somit auch den Gesamteindruck trotz bewiesener Fingerfertigkeit. Die eingängigen Arrangements der Coversongs wagten keine allzu großen Sprünge, obwohl das Sicherheitsnetz stets unsichtbar gespannt schien. Es fehlte das Überraschungsmoment, das etwas Bewegung in die einheitliche Spannungskurve gebracht hätte. Der gleichbleibend freundliche, aber nicht euphorische Applaus des Publikums spiegelte den leicht biederen Charakter des Auftritts wider. In den besten Momenten, etwa bei Herby Derby oder Baseline vor der Pause, kam dem Hörer der zurückgelehnte Funk von John Scofield in den Sinn – selbst in den schlechteren sollte von der Sterilität eines Krankenhauses im Zusammenhang mit Live-Musik nicht die Rede sein.

Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 18.01.2003