Gesprengte Grenzen

Willkommen im Soundlabor: Klima Kalima


Kiel – These 1: Man möchte mit einem Schlagzeuger nicht an einem Frühstückstisch sitzen müssen. These 2: Man möchte nicht wissen, wie viele blutjunge und hochbegabte Jazzmusiker mittlerweile in Berlin leben. These 3: In Kiel wissen zu wenig potenziell Interessierte von Konzerten wie dem von Klima Kalima. Ein ungewöhnlicher Konzertraum, eine außergewöhnliche Band mit einem nicht alltäglichen Sound – was will der Musikfan mehr an einem Donnerstagabend?

Auf dem Debütalbum "Helsinki On My Mind" befasste sich Gitarrist Kalle Kalima noch mit seiner Heimatstadt, doch seit seinem Studium ist auch er Wahl-Berliner. Auf Einladung der Deutsch-Finnischen Gesellschaft S-H demonstrierte das Trio Klima Kalima in der Landesbibliothek, mit welchen Mitteln jeder der Akteure seinem Faible für Improvisiertes frönt. Alle drei Musiker sind mit den Wurzeln der modernen Jazzmusik vertraut. Kalima etwa arbeitete bereits mit dem Trompeter Tomasz Stanko oder dem Multiinstrumentalisten Jimi Tenor zusammen.

Dementsprechend konsequent und souverän lärmt der Gitarrist im zitronengelben Hemd mit breitem 70er-Kragen, gibt sich in seinen Eigenkompositionen strukturell komplex, aber nicht überzogen. Mit Kontrabassist Oliver Potratz und Christian Lillinger (Drums) gewähren Klima Kalima Einblick in die Songs des aktuellen Albums "Chasing Yellow". Ein bunter Strauß: Bei "Uran Mining" wechseln die Rhythmen zwischen Country, Blues und Klassik, "We Still Don't Understand" verzaubert als fragiles Lullaby, rockige Phrasen dominieren "99 Hookers" und der Titelsong könnte als Tarantino-Soundtrack mit Erik-Satie-Zitat durchgehen.

Das Trio zeigt sich glänzend abgestimmt, jeder Hakenschlag setzt den nächsten in Bewegung, während Sound, Stile und Spieltrieb permanent in alle Richtungen rotieren. Das Publikum weiß zunächst gar nicht so recht, wie ihm geschieht angesichts dieses ungestümen Spektakels. Vor allem hat es Freude an Lillinger, einem nimmermüden Drummer, der ständig in seine Zubehörkiste greift, um mit Rasseln, Glocken oder sogar einem Milchaufschäumer den unkonventionellen Sound noch zu erweitern. Naserümpfend, mit halboffenem Mund steigert er sich in einen Spielrausch. Dagegen verblasst selbst ein expressiv agierender Potratz.

Kalle Kalima besticht durch eigenwilliges Spiel: Melodiekürzel sind Ausgangspunkt, wenn abstrakte Strukturen über rhythmischen Figuren liegen. Manchmal scheint er seinen Begleitern zu entwischen mit flinken Single-Notes und schrägen Akkorden. "Inner Tattoos" etwa übersetzt den Walzer in die Kalima-Sprache, indem er wiederholt aufgebrochen und dekonstruiert wird. Zu behaglich sollen es die Zuhörer nicht haben, doch "Reason To Be Happy Nr. 1" und "Nr. 2" sind so schön, dass man in Berliner Mundart rufen möchte: Allet 'ne Wolke!

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