Knarf Rellöm Trinity: Ein Mann auf Mission


Kiel – Explizit linker Musik wohnt oft der Makel inne, vor lauter ostentativ vor sich hergetragener Deutungsschwere keinen Fuß mehr vor den anderen oder gar auf die Tanzfläche zu kriegen. Doch es gibt eine Lösung für dieses Problem: Knarf Rellöm. Beim Konzert in der Hansastraße 48 knallt "King Fehler", unterstützt von Viktor Marek und DJ Patex, ein Referenzsystem aus Treibstoff mit derart einnehmender Sprachgewalt ins mittlerweile so entspannt nationalistische Deutschland, dass die Leute sogar tanzen, ohne sich zu bewegen.

Bewegung pour le Bewegung, vielleicht ist es das. Erst einmal der eigene Hintern, der Rest kommt von allein. Im Bermuda-Dreieck zwischen Politik, Musik und einem Sich-in-Frage-Stellen geht Knarf Rellöm dabei keineswegs verloren, sondern findet auch noch zu einer eigenen Sprache. Wie im Intro, das auch die aktuelle CD "Move Your Ass & Your Mind Will Follow" einleitet. In einem Outfit aus Robe und Sternenbrille, das ihn zu einem Klon aus Bootsy Collins und Sun Ra macht, erklärt Knarf die Lage der Dinge von der Tankstelle am Rande unseres Planeten. Space is the place, die Erde nur ein Treibstoffplanet, Musik dient dabei in der Tradition Sun Ras als Sprit, also: "Volltanken bitte – Geld spielt keine Rolle!"

Mit dem Raumgleiter in Form einer Popverwertungsmaschine, die sich Knarf mit Katzenhund Vittorio Marese und DJ Patex zusammengedengelt hat, geht es auf die große Mission. Eine verschworene Trinität, die da auf der Bühne steht: Patex am Bass, Marek kramt 4/4-Beats aus den Gerätschaften, während Knarf die Gitarre schrubbt. David alias Park dient zudem als Gesangsstütze. Der ehemalige Kieler, der oft in zugigen Hamburger Bahnunterführungen seine Britpop-Weisen schmettert und Frauenherzen erweicht, bestritt auch den Job als Vorturner mit Akustikgitarre und seinem charakteristischen Timbre. Weihnachten bringt sie alle wieder an Muttis Herd, und aus der Knarf Rellöm Trinity wird so zeitweise eine Quadrophonia.

Alle vier sprechsingen sie wohlfeile Statements aus der richtigen Ecke, beispielsweise vom Kaufen vor dem Saufhaus. Schließlich muss sich das Pop-Politische versprachlichen, um sich von jener "Partei der radikalen Mitte", wie es im Eröffnungsstück heißt, abzusetzen. Der erste Konzertabschnitt speist sich komplett aus dem aktuellen Album, doch die Wirkung verpufft noch ein wenig an der Euphoriebarriere im Publikum. Dabei sind ausschließlich Sympathisanten gekommen, die mit Knarfs Attitüde durch den Tag gehen. Und er holt sie sich alle: Obwohl der Improvisationsanteil durch technische Pannen hoch gehalten wird, schafft Knarf die Balance zwischen bedenkenswerten Texten und tanzbarem Elektro-Punk, der auch Funk in sich trägt.

So funktioniert eben die Popverwertungsmaschine, wenn stilistisch alles Mögliche aufgenommen und daraus etwas Neues gemacht wird. Referenzen erteilt Knarf Rellöm mit "Space Is The Place" (Sun Ra) und "Planet Claire" (B-52's), drückt bei "LCD Is Playing At My House" nicht nur ein fettes Grinsen in die Gesichter. Mehr noch: die Hüfte als Position. Da schimmern ohne falsche Scheu zahlreiche Vorbilder durch, die weit größer sind als die Zweifel und Feindbilder, die Knarf zu schaffen machen.

Der Sound wird im Laufe des Abends immer feister, auch weil Soundtüftler Viktor Marek mit Golom-Stimme experimentiert und vom vergangenen Album die Songs "Einbildung is auch ne Bildung" und "Little Big City" mit Gitarrenfeedback keinen Widerspruch zulassen. So kommt die Knarf Rellöm Trinity ohne Probleme zum Roskilde-Festival 2007. Zumindest wird der Aufruf zur Solidaritätsunterschrift im Chor manifestiert: "We wanna play in Roskilde." Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, dann gebt Knarf das volle Maß! Man kann einen tanzenden Mann nicht auf seine Knie zwingen.

 

Quelle im Internet: http://www.kn-online.de/artikel/2026732