Knarf Rellöm - Attacken auf den Mainstream


Der simple Trick des Rückwärtslesens macht aus Frank Möller Knarf Rellöm und aus einem zu banal klingenden bürgerlichen Namen ein Alter ego, das Aufmerksamkeit hervorruft. Und Aufmerksamkeit ist es, die Knarf Rellöm einfordert und auch gebührt.

Nach dem Ende der Band Huah! zu Beginn der 90er wechselte der Kosmopolit zudem mit jeder neuen Veröffentlichung den Anhang an seinem Künstlernamen, sei es Esperanto Knarf Rellöm, Ladies Love Knarf Rellöm, Knarf Rellöm Ism oder wie in der aktuellen Besetzung Knarf Rellöm with the Shi Sha Shellöm. Das reimt sich so schön, will aber inhaltlich gar nichts aussagen – ganz im Gegensatz zu seinem neuesten Album Einbildung ist auch 'ne Bildung (ZickZack/Indigo), das am Ende des Jahres wohl als politisch relevanteste deutsche Pop-Platte 2004 gefeiert werden wird.

In den sloganhaften Texten geht es um Medien, Berühmtheit, Geld, Erfolg und um die Abwesenheit all dessen. Pop, der die ökonomischen Bedingungen des eigenen Systems, die Lügen und das Glücksversprechen stets mitthematisiert – und das ist in diesen Tagen selten geworden. Nur allzu gerne werden Textpassagen aus Knarf Rellöms Repertoire ("Scheiß Kapitalismus", "Fehler is King", "Das war kein Sozialismus, das war Spießerkram" oder "Ihr wollt Kuschelsex? Fickt euch!") in den Alltagsgebrauch übernommen, weil sie die Haltung vieler Menschen in diesem Lande widerspiegeln, die ihre Auflehnung verbalisiert sehen möchten.

Möller selber zog es von Hamburg aus in die beschauliche Schweiz, wo er in Zürich die Sue Ellen Bar eröffnete, jetzt aber schon wieder seine Siebensachen gepackt hat. Aufgrund finanzieller Engpässe dauerte es vier Jahre, bis der Nachfolger von Fehler is King endlich das Licht der Musikwelt erblickte. Vier Jahre, in denen er gemeinsam mit Freundin DJ Patex (Bass, Gesang) und Viktor Marek (Beatbastler) am eigenen Stil arbeitete, der jedoch nicht klar benennbar ist: Rock'n'Roll, Elektronik und leicht verschleppter Soul laufen hier symbiotisch nebeneinander. Widersprüche werden dabei nicht bereinigt, sondern ausgespielt, weil das Unfertige und Brüchige menschlich wirkt. So entstehen Reibungsflächen, die den Hörer am Arbeitsprozess teilhaben lassen. Der Erschaffer sagt selber: "Bei Knarf Rellöm gibt's keinen Shakepear'schen Spannungsbogen. Faszination ist der Instinkt der Intelligenz. Schön, nicht? Du merkst eigentlich erst hinterher, was du gemacht hast." Henrik Drüner

Sonnabend, 21 Uhr, Hansastr. 48 (Support: Jens Friebe)

nordClick/kn vom 25.03.2004 01:00