Salven aus der Gedankenflut


Heinz Rudolf Kunze bediente in der Halle400 auch seine treusten Fans


Heinz Rudolf Kunze hat es schwer. Viele seiner Fans kommen wohl nur noch zu den Konzerten, um sich an seinen alten Hits zu laben. Dabei hat er so viel mitzuteilen. Er scheint die Bühne geradezu als Ventil für seine nicht enden wollende Gedankenflut zu nutzen. Das Stammpublikum hielt Kunze in der umgebauten Halle400 jedoch die Treue und füllte die bestuhlten Reihen.

Das aktuelle literarische Programm Wasser bis zum Hals steht mir setzt die Tradition der Sternzeichen Sündenbock und Der Golem aus Lemgo fort. Gesprochene Sprache soll musikalisch in den Konzertablauf eingebunden werden. "Wir schaffen das schon", frohlockt Kunze, und meint nicht nur sich und seine Begleiter, sondern auch die Zuhörer. Der Charakterkopf sitzt auf einem Hocker, umgeben von einem Flügel und zahlreichen Keyboards. Ruhige Töne bestimmen den Opener Hallo Deutschland mit eingespielten Radiostimmen, bei Die Verteidigung der Stammtische bedient Kunze den Flügel, während das Schlagzeug vom Band kommt – letzteres eher grob störend als sinnvoll eingesetzt. Der Sound von Keyboard und Gitarre dagegen passt perfekt zu den Pop-Balladen, da Matthias Ulmer und Heiner Lürig souverän zwischen akkordischer Unterstützung und solistischer Zurückhaltung pendeln, ohne auf musikalisch anspruchsvolle Arrangements zurückgreifen zu müssen.

Einen Hauptpfeiler bilden die Spoken Word-Partien: Kunze schleudert mit wilder Mimik kryptische Wortsalven heraus, kämpft mit Wortspielen gegen die Laster der Gesellschaft, formuliert zu sphärischen Klängen wütende Thesen gegen Quiz-Shows, Premierenfeiern und Heuchlerei. Die eingängigen Songs kommen meist besser an, da der Spiegel, der dem Zuhörer vorgesetzt wird, noch erträgliche Maße hat. Erleichterung ist oft am Applaus zu messen.

Nach der Pause versucht sich Kunze an einem interaktiven Rap-Song, der als misslungen bezeichnet werden kann. Insgesamt ist die zweite Hälfte jedoch leichter verdaulich, zurückliegende Hits versöhnen das begeisterte Publikum, das stellenweise auf eine harte Probe gestellt wurde.


Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 22.03.2002