La Vela Puerca: Den rauen Charme im Midtempo verloren

Kiel – Der Band La Vela Puerca fehlt keineswegs die Leidenschaft. Sie wird seit dem aktuellen Album "El Impulso" nur anders kanalisiert. Was die acht bärtigen Herren dabei an Geschwindigkeit und Ska-Energie einbüßen, gewinnen sie an Gefühlstiefe und musikalisch differenziertem Ausdrucksvermögen. Doch wer eine durchgehend hitzige Ska-Rock-Party erwartet hatte, wurde in der Halle400 möglicherweise enttäuscht, die Übrigen Ohrenzeugen eines stilistischen Richtungswechsels.

Es ist ein Tanz auf der Rasierklinge, wenn neues Songmaterial nicht mit der unbändigen Spielfreude aus den Boxen gepumpt kommt, wie man es von früheren Veröffentlichungen kennt. Verblüffend auch, wenn bereits die Vorband die Messlatte hoch auflegt. Inspector touren zum ersten Mal in Europa, doch in zwölf Jahren Bandgeschichte konnten sie ihre potente Mischung aus Ska und Rock'n'Roll der Sechziger immer optimieren. In der mexikanischen Heimat erreichen ihre Aufnahmen Platin-Status. Big Javy, ein Pfundskerl mit Stiernacken, peitscht die Lieder am Mikro nach vorne.

Etliche Coversongs sind darunter, "Bésame Mucho" oder auch Bob Marleys "Get Up, Stand Up", zweckentfremdet zu Ska-Rockern. Homero saugt am Keyboard die Offbeat-Akkorde aus den Tasten, während das Saxofon/Trompeten-Trio messerscharfe Bläsersätze in die Halle brüllt und so für massigen Schalldruck sorgt. Wie gesagt: Es ist eine Halle, nicht die Berliner Philharmonie. Da bleibt die Atmosphäre auf der Strecke. Aber Kiel steht Kopf. Gegen Ende bevölkert eine größere Menschenmenge die Bühne, hüpft und schreit, springt ins Publikum, lässt sich auf Händen tragen.

Für La Vela Puerca wird eine große Uruguay-Flagge geschwenkt, und die Band bedankt sich brav: „Es is wunerschön, hier ßu sein“. Eigentlich sind sie bekannt für treibenden Ska und geradlinig-druckvollen Rock mit genialen Melodien und Folk-Elementen. Doch der raue Charme, Folklorewurzeln und Offbeat-Einlagen, sind auf "El Impulso" komplett verschwunden. So erinnert der Sound zwischenzeitlich an die hausbackenen Heroes del Silencio – und Midtempo-Rock wollen die schweißnassen Fans nicht hören.

Viele der neuen Songs durchzieht eine schwermütige Fröhlichkeit, kämpferisch und sanft schwelgend zugleich. „Ein Lachen, dass keinen Schmerz kennt, kann nur ein falsches Lachen sein“, philosophiert dazu Sebastián Teysera, neben Sebastián Cebreiro eine Hälfte der Gesangs-Doppelspitze. Lateinamerikanische Drogendealer und kleine Betrüger werden ebenso thematisiert wie der politische Machtmissbrauch und die Ausbeutung der Unterschichten. Zwischen den Songs ist die Bühne oft in totale Dunkelheit gehüllt. Eine ritualisierte Zäsur der Band, um kurz innezuhalten. Und dann, bei den älteren Stücken im Repertoire, spült wieder eine Woge aus zappelnden Köpfen und Körpern bis in die hinteren Reihen. La Vela Puerca haben es selbst in der Hand.

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