Lingby mit verträumtem Indie-Pop und viel Kreativität im Prinz Willy

Die Fülle der Klänge


Kiel - Auf engstem Raum wechselt Sängerin Judith Hess zwischen E-Piano, Posaune und Trompete hin und her, bedient quasi nebenbei die Loop Station, um alles noch einmal zu konservieren und gleichermaßen aufzubauschen. Ihre Klänge mischen sich mit Glockenspiel, Synthiebass, Besenschlagzeug und Akustikgitarre der anderen Akteure von Lingby - und die Frage ist nicht, welches Instrumentarium sie verwenden, sondern eher, welches sie nicht verwenden.

Es sei für sie ein ganz besonderes Konzert. Nicht gerade aus dem Grund, weil drei von vier Musikern mit Tourschnupfen gehandicapt auf der Bühne im Prinz Willy stünden, sondern weil die Freude über das bewusst leise Set überwiege, das es für die Kölner in dieser Form noch nicht gegeben habe. Um der Fülle an Instrumenten und Kreativität überhaupt Herr zu werden, ist das Trio dafür bekannt, Gastspieler einzuladen. Heute übernimmt diesen Part Matthias Kuczewski aus Karlsruhe, der im Vorprogramm zudem sein Projekt My Friend The Fawn vorstellen darf.

Im Grunge-Look bearbeitet er singend die Halbakustische, sparsam aber effektiv begleitet von Hess an Tasten, Backgroundgesang und Posaune. Seine hohe, fragile Stimme trägt die FolkPop-Songs, gibt ihnen trotz der Zerbrechlichkeit den nötigen Ausdruck. Kuczewski singt von "Snowflakes fallin' from the sky", und so klingt es auch - als wären die Songs von einer feinen Schneedecke überzogen. Alles erscheint etwas stiller, etwas gedämpfter und geradezu pittoresk. Dazu lässt sich wunderbar „wohnzimmermäßig abhängen“, wie er es formuliert. „Ist das hier immer so? Das gefällt mir!“ Mit einem Gewinnspiel möchte er die Aufmerksamkeit zusätzlich steigern: Freie Wahl am Merchandising-Stand für denjenigen, der den geklauten Part in einem der Lieder erkennt. "How Beautiful You Are versteckt" schließlich die gesuchte Textzeile von Take Thats "Back For Good".

Zurück im Guten sind auch Lingby, die bereits im vergangenen Jahr mit ihrem leicht elektronischen, sehr verträumten Indie-Pop das Prinz Willy beglückten. Beim Bandnamen inspiriert von einem dänischen Urlaubsort, zeigen sie bei den Songs umso mehr Einfallsreichtum. "I'm A Runner", "Broken TV Screen" oder der Song, der bislang noch keinen Titel hat, zehren von den interessanten Arrangements und Sounds, wenn Jan Aumann (Keyboard, Electronic, Glockenspiel) Frickelbeats im Stile von Notwists Martin Kretschmann erzeugt, wenn Gitarrist und „Goldkehlchen“ Willi Dück feine Kontrapunkte zur Hauptmelodie setzt oder Gastdrummer Kuczewski bewusst gegen den Strich bürstet.

In diesen Momenten wird die liebliche Oberfläche dieser schwelgerischen Klangkulisse aufgeraut, erinnern Lingby neben Sufjan Stevens oder Kristofer Aström besonders nachhaltig an Arcade Fire. Exemplarisch steht das instrumentale "Swim Elk", bei dem Judith Hess Schicht für Schicht mit Hilfe der Loop Station türmt und man am Ende fast denkt, man höre ein vielköpfiges, modernes Orchester. Die Aufnahmen für das lang ersehnte Debütalbum stehen an - dann wird sich wohl die Zahl derer erheblich erhöhen, die Lingby verfallen.

KN-Online