Mardi Gras.bb

In bestimmten Fällen ist die Entfernung zwischen zwei Orten sehr relativ. So liegt auf dem Papier zwischen Mannheim und New Orleans eine Strecke von rund 8.064 Kilometer Luftlinie. Die etwas andere Blechblaskapelle Mardi Gras.bb sieht ihre Keimzelle in der Stadt an der Neckarmündung, könnte aber ebenso gut am Mississippi und Lake Pontchartrain beheimatet sein. Mit dem vierten Album „Heat“ (Universal) beweist das vielköpfige Musiker-Kollektiv um Jochen “Doc“ Wenz und Uli „Reverend“ Krug erneut, wie es zu dieser örtlichen Ungebundenheit kommt und amerikanische Südstaatenmusik auch hierzulande authentisch klingen kann.

Wenn es darum geht, das aktuelle Album in den Kontext der vorherigen Veröffentlichungen zu stellen, hat Songschreiber, Sänger und Gitarrist Jochen Wenz eine ganz klare Einstellung:
„Es gibt Bands, von denen man immer wieder die Variation über das ewig selbe Album erwartet. Wenn AC/DC etwas anderes machen würden, wären die Leute sehr enttäuscht. Bei uns verläuft es genau umgekehrt: Da wäre man enttäuscht, wenn wir uns allzu stark wiederholen würden. Insofern versuchen wir, uns immer etwas Neues einfallen zu lassen und unser Weltbild jedes Mal neu zu positionieren.“

Angefangen hatte es für Mardi Gras.bb 1999 mit „Alligatorsoup“, das den Grundstein für die swingende Affinität zu New Orleans legte. „The Big Easy“, die Stadt des Leichtsinns und der großen Töne brachte durch die Mischung unterschiedlichster ethnischer Gruppen wie Schwarze, Kreolen und Cajuns eine einzigartige Kultur hervor: Die Deltametropole im US-Bundesstaat Louisiana gilt als Geburtsstätte des Jazz, aber auch des Rhythm&Blues, wie ihn beispielsweise „Professor Longhair“ alias Roy Bird entwickelte. Mardi Gras.bb (benannt nach dem Feiertag am Karnevalsdienstag) sieht sich dabei in der Tradition der „Marching Bands“, die bei Beerdigungen in der zweiten Reihe stehen und auf dem Rückweg vom Friedhof aus Freude darüber, dass der Verstorbene jetzt endlich erlöst ist, einen geradezu lebenslustigen Groove - den sogenannten „Second-Line Groove“ - produzieren. Zu Beginn ließen sich die Mannheimer wohl auch vom urwüchsigen Sound der Dirty Dozen Brass Band oder der Young Tuxedo Brass Band beeinflussen.

Doch schon der Nachfolger „Supersmell“ ein Jahr darauf brachte weitere Elemente zutage, mit denen Wenz und Krug scheinbar mühelos hantieren: Funk und Black Music aus den 70ern, roh und unbehandelt, darunter auch die Hitsingle „Psychoflute“. Schließlich folgte 2002 mit „Zen Rodeo“ eine weitere Ausdehnung des Mardi Gras.bb-Kosmos, etwa durch schräge Country-Adaptionen bei „Sucker In A Cage“ (Giant Sand-Cover) oder der eigensinnigen Version des Disco-Klassikers „Kung Fu Fighting“.

Wenz bestätigt die Vermutung einer Cover-Tradition in der Band: „Es gibt eine Art von US-Indiependent - etwa, wie ihn Giant Sand, Howe Gelb oder Minutemen machen -, die wir als Reminiszenz immer verfolgt haben. In diesem Zusammenhang ist es bei uns zur Sitte geworden, ein oder mehrere Coversongs auf jedem Album einzubauen und damit unseren Hut vor der Band bzw. dem Künstler zu ziehen.“ Die Idee, auf „Heat“ den Song „S-E-X-X-Y“ von They Might Be Giants (vom `96er Album „Factory Showroom“) auszuwählen, kam von Produzent Gordon Friedrich. „Er hat oft absurde Ideen, aber ich lasse mich gerne spontan inspirieren und suche mir dann aus seinen Vorschlägen als Gedankenexperiment den Song aus, der am weitesten von unserem Sound entfernt liegt. In anderthalb Stunden stand das Arrangement, und: es funktioniert! Wenn ich einen Song wirklich liebe, dann maße ich mir nicht an, ihn noch besser spielen zu können. Insofern gebe ich dem Lied etwas Neues oder verfremde es – sei es im Sound, Rhythmik oder Gesang -, so wie ich es gerade empfinde.“ Gar nicht gern sieht er dagegen den Trend von Cover-Songs im kommerziellen Bereich, wo plump mit dem Wiedererkennungswert gespielt wird: „Wirklich freudlos!“

Die eine Tradition findet also ihre Fortsetzung, mit einer anderen wird auf der aktuellen Platte zum ersten Mal gebrochen. Ganz bewusst wurde mit modernem Multitracking eine neue Produktionstechnik angewandt. „Bisher lief es wie bei alten Jazzplatten im Direktschnittverfahren, bei dem die Songs quasi live im mikrofonierten Hazelwood-Studio mehrfach eingespielt und schließlich der atmosphärisch stärkste Take genommen wurde oder wir höchstens ein paar Overdubs drüberlegten. Diesmal gab es teilweise einen Wald aus über 60 Spuren pro Song, was einen sehr großen ästhetischen Unterschied mit sich bringt. Wir mussten uns vorher überlegen, wie der 'human factor’ – kleine Fehler, Zufälligkeiten oder andere psychoakustische Wahrnehmungen – erhalten werden konnte.“ Aus diesem Grund wurden kaum hörbare Spuren miteinander verwoben, die ein Untergrundrauschen erzeugen und das Gefühl von Leere verhindern. “Das Ergebnis ist eine erhöhte Ereignisdichte, die nicht bewusst wahrgenommen wird.“

Mardi Gras.bb stand somit auf dem schmalen Grat zwischen neuer Soundtechnik und dem charakteristischen Sound der Band. Gab es diesbezüglich keine Befürchtungen? „Es wäre schrecklich, wenn sich Mardi Gras.bb auf jedem Album neu erfinden würde. Dann hätte man eine Schraube überdreht. Wir haben es gerne neu und interessant, aber typische Elemente werden beibehalten, denn mit dem Wiedererkennungswert steigt auch die Identifikation.“ Bei diesem Stichwort kommt auch die Gesangsstimme vom Doc zur Sprache, die in der Vergangenheit strapazierend oft mit Tom Waits’ verglichen wurde. „Ja, es gibt einige Namen, die immer wieder fallen. Nur wenige SängerInnen haben von Beginn an einen individuellen Stil und dementsprechend viele Reverenzen. Meine Stimme entwickelte sich auch in verschiedenen Phasen, in denen ich mal wie der eine, mal wie ein anderer geklungen habe. In meinem Repertoire gibt es sicher auch eine Mischung aus Tom Waits und Dr. John, eine Art gebrochene Nichtbelcanto-Sprechstimme mit räudigem Timbre.“ Die weiteren festen Mitglieder der Band sind Uli Krug (ehemals Guru Guru-Bassist) mit seinem einzigartigen Sousaphon-Spiel und Erwin Ditzner an den Schlagwerken. „Unser Line-Up variiert bei einem Kern von fünf oder sechs Musikern nur minimal. Bei den Blechbläsern gibt es neue Namen, da auch nicht immer alle zur gleichen Zeit verfügbar sind. Wie beim Fußball: Wir können auf eine große und starke Ersatzbank zurückgreifen. Wenn einer verletzt ist, darf dies nicht die Schlagkraft der Mannschaft schwächen. Bei 80 Konzerten im Jahr und elf Mitgliedern geht es gar nicht anders - sonst würde ich wahnsinnig.“

Als relativer Kontrollfreak musste Wenz bei den Aufnahmen ungewohnt die Zügel schleifen lassen. Statt der maximal drei Tage, die für das Einspielen der bisherigen Alben vonnöten waren, gab es diesmal eine offene Baustelle von über einem halben Jahr. „Die 70 Kilometer zwischen Mannheim und Frankfurt [Heimat von Hazelwood, Anm. des Verfassers] können irgendwann sehr weit sein. Oft wusste ich nicht, wie oder wann gerade am Album gearbeitet wird, aber das war auch ganz spannend. Es gab dann einen Zeitpunkt, an dem ich losgelassen und Gordon als geschmackssicherem Produzenten ganz vertraut habe. Zudem waren die Grundtracks bereits eingespielt, so dass nur noch kleinere Veränderungen gemacht werden konnten. Bei Hazelwood ist immer etwas los: Ständig sind Sessions und Musiker von anderen Projekten (Kool Ade Acid Test, Broken Beats, Jerobeam) vor Ort, mit denen dann ganz spontan entschieden wird, einen Chorpart oder eine Wah-Wah-Gitarre einzuspielen. Das ist einfach Gordon’s Art - und das ist auch gut so!“

Beim Blick auf das Booklet irritiert das Fehlen eines dritten Tracks. Einfache Erklärung: Es hätte nicht gelohnt, sich für das 14-sekündige Sample eines HipHop-Beats einen Songtitel auszudenken. Aber diese Zäsur hat durchaus ihre Berechtigung, da nach dem langen Outro von „B-Leave Me“ (mit funky Gitarre und Flöte) nicht direkt „Moto Boat“ – zumal in relativ ähnlichem Tempo – folgen sollte. Bei all den schrägen Harmonien bleibt die Tanzbarkeit aber nicht nur während dieses Platzhalters bestehen, wohl besonders dank des Grooves von DJ Mahmut sowie der eingängigen Hooks und Melodien von Bläsern und Zeremonienmeister Wenz in den elf Songs. Songs, die sich quer stellen und doch nach Pop schmecken.

Studio ist eine Sache, aber der Name Mardi Gras.bb steht auch gleichbedeutend mit kolossalen Live-Shows, die oft zum dreistündigen Partymonster mutieren. Einerseits freut sich Wenz auf die Tour, andererseits weiß er, dass das Tourleben stark von subjektiven Befindlichkeiten abhängig ist. „Als Sänger stelle ich das schwächste Glied in der Kette dar, weil ich mein Instrument als einziger nicht immer beeinflussen kann. Bei vielen Shows hintereinander und dem Verdacht einer Erkältung geht dieser Zustand dann an die Nerven.“ Lachend ergänzt er: “Wobei ich es mit krächzender Stimme leichter habe als etwa ein Opernsänger, der schön singen muss. Insofern darf ich ein bisschen schummeln.“ Wie erleichternd, dass auch Voodoo-Meister ab und zu in die Trickkiste greifen müssen. Henrik Drüner