Mardi Gras.bb

In Genf ist Pause. Die Maschine des CERN, die Hadronen erzeugt und so unter anderem den Urknall nachstellen will, wartet auf eine dringende Reparatur. In Mannheim dagegen erfreut sich das Groove-Chamäleon namens Mardi Gras.bb bester Gesundheit. Nachdem spätestens mit dem Vorgänger „The Exile Itch“ klar wurde, dass der New-Orleans-Zug zumindest im Augenblick abgefahren ist, erfährt der Sound auf dem achten Studioalbum „My Private Hadron“ (Hazelwood Vinyl Plastics/Indigo) nochmals eine Neuverortung. Hadronen in Form von Bläsern und Retro-Charme prallen ungebremst aufeinander, lassen urknalligen Swamp-Jazz, Soul-Pop und Blues-Rock entstehen. Auch das Besetzungskarussell rotierte und präsentiert ein entschlacktes und neugieriges Kollektiv.

Sänger, Arrangeur und Gitarrist Jochen „Doc“ Wenz, „Rosenhirn der Blechblas-Dissidenten“, über…

... den Ausstieg von Drummer Erwin Ditzner
Der Abschied war zwar abgesprochen, aber eine anschließende Umorientierung nach 14 Jahren vonnöten. Dadurch ergab sich eine völlig neue Ausgangssituation in der Stammbesetzung. Uns zeichnete immer diese zweiköpfige Rhythmusgruppe – inspiriert durch die Second Line Bands in New Orleans – aus. Aber einen Ersatz sollte es nicht geben, zumal Erwin ein Ausnahme-Schlagzeuger ist. Außerdem finde ich Auditions-Situationen fürchterlich. Wenn ich mir vorstelle, dass 25 junge, schwitzende und übermotivierte Drummer von der hiesigen Popakademie bei mir antanzen, und ich soll 24 von denen eine Absage erteilen…nein, das ist was für Dieter Bohlen!

... die neue Groove-Ästhetik
Bislang dominierten bei uns afroamerikanische Roots, die sich in Shuffle und Swing austobten. Mit dem bisherigen Bassdrummer Javier de la Poza tritt eine eher reduzierte Form mit geraden, binären Beats in den Vordergrund. Im Stile von College-Rock. Der „Reverend“ (Gründungsmitglied Uli Krug) greift bei den neuen Songs verstärkt zum E-Bass und holt das Sousaphon erst auf der Tour wieder raus. Es ist unser Markenzeichen, und viele Arrangements alter Songs sind schlicht darauf angewiesen.

...den Abschluss der Konzeptalben-Reihe
Mit „The Exile Itch“ hatten wir das Ende der Pentalogie erreicht, indem wir in fünf Etappen die popmusikalische Geschichte des letzten Jahrhunderts abhandelten. Diesmal konnten wir folglich losgelöst von diesem Korsett und einer künstlerischer Hypothek arbeiten. Paradox: Durch die Umbesetzung ergaben sich wiederum stilistische Maßgaben. Eine neue Herausforderung, bei der wir trotz des begrenzten Kontextes die Außenpositionen einbeziehen und Spannbreite provozieren. Die Bläser sind dagegen recht konventionell eingesetzt, indem sie veritable Soul-Themen spielen.

...die Tour-Erwartungen und eigene Ansprüche
Da mischen sich Freude und Neugierde. Wir verkörperten einen Apparat, der sich ins gemachte Nest gesetzt hat, sprich: Wir konnten unsere Show im Schlaf spielen. Jetzt kommt ein ungewohntes Moment hinzu, eine fast Teenager-hafte Unsicherheit. Bei aller Erdverbundenheit und Kernigkeit, die unser Sound hat, spielt ein intellektuelles Spielchen immer eine Rolle. Wir bauen sozusagen eine bewusste Falltiefe mit ein. Da stehen wir drauf und ich denke, dass es für alle Beteiligten viel spannender, interessanter und befriedigender ist. So bieten sich neue Ebenen der Reflexion, ein Vexierspiel mit vielfältigen Projektionen. Das geht zwar auf Kosten der Kommerzialität, aber dafür wissen es uns emotional und soziokulturell nah stehende Menschen umso mehr zu schätzen. Ich bewundere Gordon (Friedrich, Produzent bei Hazelwood) für diese Absonderlichkeiten. Er versucht immer, sich Abwegiges einfallen zu lassen für neue Assoziationsflächen.

...die Gefahr, dass der Planet im Zuge des CERN-Experiments durch ein schwarzes Loch geschluckt wird
Ich war nicht ganz hart am Thema, habe aber mitbekommen, dass etwas mit dem Kühlsystem nicht funktionierte und daher der Betrieb schon nach kurzer Zeit wieder eingestellt werden musste. Ich bin froh, dass das Ende der Welt durch diese Blamage etwas verzögert wurde. Aber: Das Ende wird dennoch kommen, und es wird sich auch nicht vermeiden lassen, dass es durch Menschen herbeigeführt wird.