Marianne Rosenberg auf der „Unser-Norden“-Bühne

Große Gefühle nach Regengüssen

 

Kiel – Um es mit den Worten von Freundeskreis zu sagen: „Pitsch Patsch nass floh ich unter das Vordach des Bierstands / vom Himmel goss ein Bach ich schätz es war halb acht“. Zum geplanten Konzertbeginn ist an Live-Musik auf der „Unser-Norden“-Bühne nicht zu denken. Starkregen in Verbindung mit starken Böen setzt den kompletten Bühnenbereich sehr stark unter Wasser. Dass Marianne Rosenberg nach zwei Stunden Hoffen und Bangen doch noch ihr umjubeltes Konzert absolviert, ist mehreren Faktoren zu verdanken: dem Langmut der Protagonistin und ihrer Band, den emsigen Bühnenarbeitern und nicht zuletzt den Rosenberg-Fans – denn die sind wahrlich nicht aus Zucker.

Chronologie der Ereignisse fürs Protokoll. Ab 19.30 Uhr wiederholte Durchsagen: „Es geht los, wenn es trocken ist.“ Höhnisches Gelächter unter den Regenschirmen und Plastikplanen. Galgenhumor angesichts dieses Waterloos, Sprechchöre: „Ma-ri-anne!“ 20.10 Uhr: Marianne Rosenberg stöckelt auf Plateauschuhen an den Bühnenrand, bittet um Geduld und Nachsicht, dass die Kombination aus Elektrizität und Wasser nicht immer gut ausgeht. 20.20 Uhr: Bühne erwacht zum Leben, Helfer ziehen die Seenlandschaft ab, Instrumente werden aufgebaut. 20.25 Uhr: nächster Schauer, Gitarrenanschluss unter Strom, Holland in Not. 21.30 Uhr: Es soll endlich losgehen – wenn es trocken bleibt.

Um 21.35 Uhr die ersten ungelenken Töne zweier Keyboarder und Backgroundsängerinnen, eines Bassisten, Gitarristen und Drummers, die sich alle im hinteren Bereich der Bühne positionieren. Doch mit dem Lied „Was kann ich tun“ startet anschließend das einstündige Programm, als sei alles eitel Sonnenschein. Rosenberg hat sich schick gemacht mit weißem Blazer, Schal und reichlich Klunkern. Im Publikum rotieren Tanzpaare im schneidigen Discofox, andere geben die hochemotionalen Texte lautstark zum Besten, in denen es heißt: „Liebe kann weh tun (aber sie gibt auch viel)“, „Marleen (eine von uns beiden muss nun gehen)“ oder „Ich denk an dich“ von Rio Reiser.

Die 54-jährige Rosenberg ist die Ikone des deutschen Schlagers, die in den 1970er Jahren dank der ZDF-Hitparade und den Titeln „Fremder Mann“, „Ich bin wie Du“ und „Lieder der Nacht“ ihren Karrierehöhepunkt erreichte – die aber mit ihrem Album „I’m A Woman“ aus dem vergangenen Jahr ebenso demonstriert, dass sie mittlerweile auch Jazz im Berliner Jargon à la Claire Waldoff zu schätzen weiß. Eine gereifte Künstlerin, die sich nicht scheut, die sphärische Ballade „Und mein Lächeln wird dir folgen“ als ihr Lieblingslied anzukündigen. Es sind Zeilen, die keine Teenagerin formulieren kann, ohne sie gelebt zu haben: „Du hast verloren, wenn du mich besiegst / Ich werde wachen, bis du mich belügst / Deine Freiheit ist nur scheinbar, weil du nicht verstehst / Und mein Lächeln wird dir folgen, wenn du gehst.“

Doch Marianne Rosenberg ist auch „Er gehört zu mir“. Fluch und Segen, für die Zuschauer an diesem Abend definitiv letztes. Um noch einmal einen Freundeskreis-Vers umzuschreiben: „Nass bis auf die Haut, so standen sie da, um sie wurde es dunkel, und man kam sich nah.“