Mariza, die neue Königin des Fado, singt den Blues Portugals

 

Ihr fliegen ihr die Herzen der Weltmusik-Gemeinde scharenweise zu: Mariza. Foto hfr Die portugiesische Sängerin Mariza ist die neue Königin des Fado. Spätestens seit der Auszeichnung als "Best European Artist" bei den World Music Awards von BBC Radio3 in London fliegen ihr die Herzen der Weltmusik-Gemeinde scharenweise zu. Ein steiler Aufstieg – gemessen an ihrer übersichtlichen Diskographie, die nur das Debütalbum Fado Em Mim sowie die aktuelle Veröffentlichung Fado Curvo anbietet.

Ganz im Stile der lange Zeit unübertroffenen Amália Rodrigues, die 1999 verstarb, lebt auch die zierliche Schönheit ihr Metier Fado vollkommen aus. Diese traditionelle Liedform hatte ihren Ursprung im ausgehenden 18. Jahrhundert, genauer: in der Alfama, der historischen Altstadt Lissabons, wo überwiegend ehemalige Sklaven wohnten und die Prostitution florierte. Pikanterweise bezeichnet das Wort "fadista" in Lissabon sowohl Fado-Sängerinnen und -sänger als auch Huren und Zuhälter. Im Alter von zwei Jahren zog die 1974 in Mosambik geborene Mariza in diesen verruchten Wohnbezirk. "Ich habe meine ersten Fados für die Nachbarn und im Restaurant meiner Eltern gesungen. Mit fünf Jahren konnte ich noch nicht lesen. Deshalb hat mein Vater mir die Texte in kleinen Bildchen aufgemalt. Für mich ist Fado singen wie atmen, etwas völlig Natürliches." Vielleicht ist diese Natürlichkeit auch ein Grund dafür, dass Mariza so authentisch wirkt und die vorgetragenen Gefühle nicht zur Pose verkommen lässt.

Die schwermütigen Lieder erzählen vom harten und entbehrungsreichen Leben der kleinen Leute und verkörpern somit den Blues Portugals. "Das Leben verläuft nicht in geraden Bahnen, genauso wenig wie zwischenmenschliche Beziehungen oder auch Musik" erklärt Mariza den Titel ihrer neuen Platte. Eine kollektive Achterbahnfahrt der Emotionen zwischen Sinnlichkeit und poetischer Melancholie erwartet den Zuhörer in den Konzerten der glamourösen Diva. In einem Punkt allerdings bricht Mariza mit der Tradition der Fado-Sängerinnen: Weder trägt sie die klassischen Accessoires, also schwarze Kleidung und das schwarze Fransentuch, noch weint oder seufzt sie auf der Bühne. Und doch glaubt man ihr jedes Wort.

Freitag, Kieler Schloss, 20 Uhr

Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 19.11.2003

http://kn-online.de/news/archiv/?id=1271386