Marr demonstrierten in der Hansastraße schlichtweg schonungslose Spielfreude


"Wir haben alles gegeben!" Das Ende scheint symptomatisch für die Attitüde von Marr zu sein. Beim Konzert in der restlos ausverkauften Hansastraße 48 zeigt die Hamburger Band um Sänger und Gitarrist Jan Elbeshausen, warum sie sich des Vertrauens ihrer Fans sicher sein kann: Keine halben Sachen, sondern so lange Hundert Prozent, wie es – in diesem Fall der Körper – hergibt.

Erkältet sind Elbeshausen und Gitarrist Dennis Becker in den Abend gegangen. Dementsprechend wurde das Programm ein wenig gekürzt, nicht jedoch die Intensität der Songs und der Performance. Als Vorband brachten finn. das Publikum in eine angenehme Nullposition, befreit von Alltagssorgen und sonstigen Störelementen auf Konzerten. Sphärische Keyboardstreicher, getupfte Drumloops und die Kopfstimme des Sängers wirkten wie Labsal für die Seele. Musik zum Einatmen, Durchatmen und Ausatmen.

Im Kontrast, jedoch nicht im Widerspruch dazu präsentieren sich Marr. Das Grundgerüst im Songwriting simpel: druckvoll-melodiöser Rock, der in den verschiedenen Parts die laut-leise-Komponente perfektioniert, abwechslungsreiche Arrangements und englische Texte. Doch da ist mehr, was bei dem Quartett das gewisse Etwas ausmacht. Vielleicht zeigt sich Marr's Qualität in der wütenden Spielfreude, mit der alle Akteure zu Werke gehen, beziehungsweise in der Vehemenz, mit der von einem Takt auf den anderen der Verzerrer per Fußschalter getreten wird und die Stimmung abrupt umschlagen lässt. Ungestüme Gitarren treffen dann auf das präzise uhrwerkende Schlagzeug von André Frahm sowie den Tieftöner von Olli Koch und bilden gemeinsam mehr als die Summe der einzelnen Teile. Der letzte Song Confusion And Alphabet steht beispielhaft für dieses Phänomen, wenn sich aus der ruhigen Strophe heraus ein krachender Refrain entwickelt und schließlich in einem großen Finish mündet.

Selbst der Gesang, an dem sich auf der aktuellen Platte Express And Take Shape die Geister scheiden, gewinnt in der Live-Situation an Ausdruck und Präsenz. Elbeshausen versteht es einfach, Emotionen in Songs unterzubringen und wieder herauszuholen. Bei aller Ehrlichkeit der Performance kennt er die Rockgesten: das Gitarre-Herumreißen und Energisch-das-Mikro-Greifen, die Mähne wie ein junger Jon Bon Jovi im Gesicht hängend. Doch das soll so sein, und das ist gut so. Wenn eine Band in zweieinhalb Jahren ein derartiges Programm auf die Beine stellt, bleibt kein Platz für falsche Vorwürfe. Von Henrik Drüner

nordClick/kn vom 01.03.2004 01:00