Marsmobil

 

Küchenkunst und Jazzverwandtes – das passte schon immer gut zusammen. Denn die Zubereitung einer Pasta Pomodore hat mit einer Marsmobil-Studioproduktion mehr gemein, als es der erste Eindruck vermuten lässt. Roberto Di Gioia gibt auf dem neuen Album „(Why Don’t You Take) The Other Side“ (Compost/Groove Attack) den Maître de Cuisine, der geschmacks- und stilsicher mit erlesenen Zutaten hantiert.

Lesern der „Jazz Cooks“-Serie im Heft dürfte das Gourmetherz höher schlagen, wenn sie den Ausführungen des Münchner Pianisten folgen, der mehrmals im Telefoninterview den Exkurs in Richtung Küchenzeile einschlägt. „Es gibt viele Rezepte für eine Pomodore: Man kann den Knoblauch pressen, mit oder ohne Schale zerdrücken, in der Knoblauchpresse ohne Schale herauspressen, in hauchdünne Scheiben oder auch in kleine Würfel schneiden. Durch verschiedene Verarbeitungsformen wird die Soße trotz der gleichen Zutaten jedes Mal anders schmecken.“

Für Di Gioria gibt es nichts Schöneres, als aus drei Zutaten – in diesem Fall Öl, Knoblauch und Tomaten – ein wahnsinnig tolles Essen zu zaubern. Ein Dreiklang, der übertragen auf Marsmobil denselben Ansatz erfährt. „Ich könnte krasse Akkorde greifen, aber die Musik, die ich seit meiner Kindheit höre und wirklich liebe, ist eine andere. Ich genieße die Klarheit und Reinheit eines einzigen Tones. Es gibt nur wenige Musiker, die das verstehen.“ Prompt muss er an die Erfahrung in einem Hotel denken, in dem er mit Max Herre zu Gast war. „Die dortigen Köche glichen Jazzmusikern in der Küche – begnadete Künstler, aber dieses Reduzierte einer guten Tomatensoße haben sie nicht gefühlt. Da war keine Seele, keine Leidenschaft im Essen.“ Roberto Di Gioia rettete das Gericht schließlich dank scharfem Olivenöl, Salz und frischem Parmesan.

Bei Marsmobil ist Di Gioia mittlerweile alleiniger Kopf der Band. Es war ihm wichtig, trotz vorhandener Gäste und Produzenten im Kopf unabhängig zu sein; sein eigenes Projekt ohne Rücksicht auf andere durchziehen zu können. Vor allem, um als Komponist und Songschreiber eine musikalische und textliche Sprache zu generieren. Für Peace Orchestra oder DJ Hell bewies der gefragte Studio- und Live-Musiker seine Teamfähigkeit, als alle Erfahrungen mit Peter Kruder (Peace Orchestra, Voom:Voom) und Christian Prommer (Fauna Flash, Trüby Trio, Voom:Voom) in einen Topf geschmissen wurden.

Ungefähr die Hälfte des Albums „(Why Don’t You Take) The Other Side“ wurde von den beiden Kollegen produziert, der Hauptanteil liegt jedoch beim Tastenfuchs und Multiinstrumentalisten, der bereits mit Klaus Doldingers Passport, Charlie Watts, Udo Lindenberg, Albert Mangelsdorff oder Till Brönner kollaborierte. Er übernimmt neben Keyboard, Fender Rhodes und Klavier noch Gitarre, Sitar und Tabla, er singt und hat per Rechner obendrein Schlagzeug und Bass eingespielt. Die Single „Ordinary Boy“ und „Cry For A Day” stehen stellvertretend für die Soundvorstellungen von Roberto Di Gioia, indem sie futuristisch wirken und dennoch auf die analoge Klangästhetik der 60er- und 70er-Jahre verweisen. Quasi ein entspannter Hybrid aus den Beatles und Air zum Tagträumen und Seifenblasen pusten. „Für mich spiegelt ,Cry For A Day‘ meine persönliche Vision des Albums wider“, so Di Gioia. „Es hat die charakteristischen Marsmobil-Eigenschaften: unaufdringlich, beruhigend, wehmütig und eine latente psychedelische Krassheit.“ Beim Instrumentalstück „Helix Pomatia“ kommt eine rote Antonelli-Orgel, auf der Di Gioia mit vier Jahren die ersten Klavierversuche unternahm, nach 41 Jahren wieder zum Einsatz. An anderer Stelle bläst Wigald Boning melancholisch in Oboe und Fagott. Alles sehr geschmackvoll, sehr gediegen, mit einer ästhetischen Vorstellung, die „über einen schön gespielten F-Dur als Pianist hinausgeht“.

Auch Sängerin Martine Rojina, seit jeher Stammgast bei Marsmobil, bereichert einen Song. Doch es kamen beim kreativen Kopf der Wunsch und der Wille auf, die Lieder selbst zu singen. Di Gioia: „Ich bin das Sprachrohr, und es bringt nichts, eine Sängerin an meiner Seite zu haben, wenn ich ein Gefühl im Kopf habe. Das ist ein frappierender Unterschied zum Instrument, weil es sehr direkt und sehr persönlich auf den Betrachter wirkt.“ Nichtsdestotrotz gab es im Laufe des Albums eine Entwicklung hin zur vierköpfigen Live-Band, bestehend aus Ferdinand Kirner (Gitarre, Gesang), Matteo Scrimali (Drums) und Christian Diener (Bass). „Mit denen möchte ich unbedingt viel spielen. Besonders bei Ferdinand ist es ein großes Glück, dass wir uns gefunden zu haben. Uns verbindet eine musikalische Spiritualität!“

Auf der Bühne geht es dem Marsmobil-Fahrer darum, welche Inhalte wie transportieren werden können, und wie man die Zuschauer erreicht, die interaktiv mit eingebunden werden sollen. Angesichts der Akribie und Leidenschaft, mit der Roberto Di Gioia seine kleinen Küchentricks beschreibt, dürfte da einiges zu erwarten sein. Seine momentane Pomodore bereitet er übrigens wie folgt zu: mit dem Messer den Knoblauch ganz zerdrücken, mit gutem Olivenöl anbraten. Eine halbe getrocknete Chili, ganz wenig Zucker und eine Dose geschälte Tomaten zugeben und 15 Minuten einkochen lassen. Hitze reduzieren, Salz hinzugeben. Pasta e basta!