Emotionale Achterbahnfahrt - Martin Wind Quartet im Luna


Kiel – Ein Hauch von New York weht durch die Stadt. Sophisticated, feinsinnig und doch ungemein pulsierend vermittelt das Martin Wind Quartet ein Gefühl davon, wie der Bandleader Mitte der 90er Jahre als junger Sideman in der US-Metropole empfangen wurde. Zurück in Kiel, entpuppt sich die erste Deutschland-Tour dieser Besetzung in perfekter Jazzclub-Atmosphäre als gefeierte Werkschau.

Bassist und Komponist Martin Wind ist zu beneiden: Nach dem Klassikstudium in Köln ging der gebürtige Flensburger mit einem DAAD-Stipendium nach New York, wo er seit elf Jahren lebt und als Dozent an der dortigen Universität lehrt. Er ist auf mehr als 80 CDs zu hören sowie Mitglied der Trios von Bill Mays, Don Friedman und Dena DeRose. Im Jahr 2000 erhielt er als erster Jazzmusiker den Kulturpreis Schleswig-Holstein und wurde 2004 von seiner Heimatstadt zum „Flensburg Botschafter“ ernannt. Viel Ruhm, viel Ehr.

Dementsprechend knackevoll ist der Luna Club, wo sich zwei divergierende kompositorische Ansätze offenbaren. In einige Stücken des zweiteiligen Programms dominieren die weichen, schwebenden Töne, gefühlvoll vom Schlagzeug (Tim Horner) unterstützt und von einem gestrichenen Kontrabass geerdet. Sie zeigen Wind als ausgewiesenen Melodiker, der in "The Dream" Erinnerungen an das Konzert mit Pat Metheny 2003 im Kieler Schloss vertont. Ein klangvoller Wachtraum, umhüllt vom Schleier der Nacht. "Gone With The Wind", auch Titel der ersten CD, orientiert sich noch stark an konventionellen Song-Mustern, zudem sittsam vorgetragen.

Doch das Quartett spielt sich frei, phasenweise sogar in einen solistischen Rausch. Neben Wind und Horner entfachen ihn vor allem Bill Cunliffe am sämig-glockigen, durch Effekte klangerweiterten Fender Rhodes E-Piano und Scott Robinson, der dem Tenorsaxofon agile, unverbrauchte Tonfolgen entlockt. Selbst als die vier sich nicht so recht auf ein Ausgangsthema einigen können, verblüfft die improvisatorische Finesse im Verlauf des ausgedünnten Blues.

Nicht nur mit den Songs des aktuellen Albums "Salt'n Pepper" unterstreicht Wind sein Faible für ausgeprägte Rhythmusfreude. Thelonious Monks "Bright Mississippi" dient als Weckruf für charakteristischen und synkopenreichen Groove-Jazz, angefeuert durch das furiose "Get It" mit lodernder Motown-Hitzigkeit und "The Soccerball", beinahe schon ein Klassiker im Repertoire des Kontrabassisten. Die hohe Musikerquote im Publikum begünstigt das wissende Juchzen angesichts der profunden Musikalität aller Beteiligten. Während Winds Lieblingsverein gegen das Champions-League-Aus in Barcelona kämpft, spiegelt sich der wahre und nachhaltigere Erfolg in der Resonanz auf sein Konzert.

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