Motorpsycho: Steter Quell der Kreativität

Kiel – Ganz normal sind die nicht. Zumindest im Sinne von: absolut unkonventionell. Motorpsycho stehen seit 19 Jahren für die etwas andere Rockband. Eine nicht versiegende Quelle kreativen Outputs zeichnet das norwegische Trio aus, ebenso der Mut, das aktuelle, zwölfte Studioalbum „Little Lucid Moments“ mit nur vier Songs zu bestücken – wobei sich alleine das suitenhafte Titelstück durch 21 Minuten Spielzeit fräst.

„Es macht vor allem live so einen Spaß, diese Lieder zu spielen!“, ruft Hans Magnus „Snah“ Ryan, Gitarrist und Backgroundsänger, begeistert ins Handy des Tourmanagers. Standort: Bielefeld, der abendliche Tourtermin auf der Strecke zwischen Wien und Kiel. „Wir hatten eine Abfolge von Songs im Studio, die alle in der gleichen Tonalität geschrieben waren. Da drängte sich die Idee mit der Überlänge auf. So kann man richtig in die Songs eintauchen und sich eine halbe Stunde gehen lassen.“

Gegründet 1989 in Trondheim, brachte ihnen 1993 "Demon Box" erstmals europaweite Anerkennung. Dank ihrer energetischen und mitunter dreistündigen Shows gelten Motorpsycho-Konzerte als eines der sieben Dinge, die man in seinem Leben erfahren haben sollte. Ohne Konkurrenz ist ihre Flut an Veröffentlichungen. Für die zahlreichen stilistischen Wechsel in der Diskografie hat Ryan eine plausible Erklärung: „Im Studio herrscht immer ein Ist-Zustand, der über das klangliche Ergebnis entscheidet. So bleibt es interessant und gibt der Musik ein Gefühl von Gegenwärtigkeit. Dennoch tragen wir ein gewisses Maß an Tradition in uns. Man musiziert nie losgelöst von der Vergangenheit.“

Das Songwriting auf den pop-orientierten Platten "Let Them Eat Cake" oder "Phanerothyme" wies einen komplizierten Aufbau mit Geige und Keyboard auf. Motorpsycho lernten dabei, dass auf der Bühne nicht die komplizierten Arrangements, sondern die Reduzierung der Songs zählt. „Es ist wie bei Buddy Holly: Die Lieder sind im Grunde sehr einfach, aber gleichzeitig auch unheimlich komplex. All diese Extravaganzen sind unnötig, wenn du in der Lage bist, präzise zu sein.“

Vor neun Jahren rockten Motorpsycho zuletzt in der Kieler Pumpe, damals noch mit Schlagzeuger Hakan Gebhardt, der 2005 ausschied. Nachdem das Vorgängeralbum "Black Hole/Blank Canvas" ohne festen Drummer eingespielt wurde, konnten Sänger und Bassist Bent Sæther sowie Ryan bald darauf Kenneth Kapstad als neues Bandmitglied begrüßen. „Er kann wirklich verrücktes Zeug spielen, auch dank seiner Vielseitigkeit. Kommt vom Jazz, liebt Metal, unglaublich. Dadurch ist er sehr inspirierend, und er hat eine beängstigende Körperkonstitution und Energie mit seinen 29 Jahren. Dagegen sind Bent und ich alte Säcke.“ Doch ein Bier will sich Snah Ryan an dem Abend in Kiel genehmigen. Es sei schließlich ihr Abschluss-Konzert der Tour.

Die Erfahrung des Alters bringt auch Vorteile mit sich. Der Sound sei dynamischer im Vergleich zu den Anfängen, und man könne besser zwischen Stimmungen und Stilen pendeln, so Ryan. "Little Lucid Moments" gerät zu einem atemlosen Ritt durch die Prog- und Stoner-Rockgeschichte, und es sieht nicht so aus, als sollte sich daran langfristig etwas ändern: „Wir schreiben einfach so viele Songs, und es gibt noch so viele, die noch nicht geschrieben sind.“

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