Mr. Burns in der Schaubude - Bloß nicht weich rüberkommen

 

Kiel – Ein kurzer, gieriger Schluck aus der Wasserflasche. Sänger Olli blickt sich um, nickt, alle sind bereit. Schon zählt Gunnar am Schlagzeug den nächsten Song an. Eins, zwei, drei, vier, weiter geht der Parforceritt. In der Schaubude verblüffen Mr. Burns aus Flensburg mit einem nicht nur musikalisch absolut konsequenten Auftritt. Ein Konzert wie eine halsbrecherische Fahrt auf der Überholspur.

Über eine Stunde lang gibt das Quartett Vollgas. Ohne große Atempause. Oldschool-Hardcore-Punk amerikanischer Prägung im Stile von Black Flag oder Circle Jerks haben sich Mr. Burns auf die Fahnen geschrieben. Dementsprechend ist die Band bemüht, ihre Attitüde in jeder Situation zu verkörpern. Bloß nicht weich rüberkommen.

Vor allem Frontmann Olli wirkt wie ein Bastard aus den zwei Szene-Ikonen Henry Rollins und Ian MacKaye, wenn er seine Wut über den alltäglichen Stumpfsinn in prägnanten Songzeilen von der Bühne schreit. Den Kopf schräg nach oben geneigt, klebt die rechte Hand scheinbar am Mikro, während die linke angewinkelt hinterm Rücken verschränkt ist. Manchmal streicht er mit der Hand über den kurz geschorenen Kopf, doch alles ist dem aggressiven Gebaren untergeordnet.

Die Anhänger wissen das zu schätzen. Und es sind viele, die gekommen sind. Tresenkraft Hase meint schon vor dem Konzert: „Halb Gaarden steht vor der Tür!“ Auch Vertreter der Turbojugend Waterkant, vor allem aber Träger von zahllos zur Schau gestellte Nietengürteln und Portemonnaie-Ketten, die so hübsch martialisch am Hüftknochen baumeln.

Problemlos reihen sich die die Songs des neuen Albums „Static“ in die Setliste ein, die mittlerweile aus einem neunjährigen Repertoire schöpfen kann. Besonders der Titelsong überzeugt mit Lars’ pumpendem Bass und – eher eine Seltenheit – deutlich auszumachender Gesangsmelodie. In den Refrains schwellt der wütende Chor sogar zur Dreistimmigkeit an. Von den im Booklet abgedruckten Songtexten ist zwar kaum ein Wort zu verstehen, doch Titel wie „3 Bottles Of Wine Are Too Much (When You Have To Get Up At 5 o’Clock In The Morning)” sind selbsterklärend, ebenso die Zeilen von „Restbestand“, der Single von 2007 mit erstmals deutschen Texten.

Vielleicht würde mehr Variation in Tempo und Dynamik etwas Abwechslung schaffen, aber das scheint nicht gefragt. Stattdessen kompromisslos geprügelte Hardcore-Seligkeit. So ist kaum Filigranes auszumachen, dafür eine eindrucksvolle Walze mit viel Druck zu spüren. Bei Drummer Gunnar, der die Songs antreibt, sieht alles ganz leicht aus – der rinnende Schweiß spricht eine andere Sprache.

Auch die Gitarren-Soli von Knott klingen angesichts der Geschwindigkeit, als stünden gerade Iron Maiden von 1984 auf der Bühne. Am Folgeabend spielen Mr. Burns in Leipzig, und auch dort wird die Luft zum Schneiden dick sein. In Kiel tankt nach dem Konzert halb Gaarden Sauerstoff vor der Schaubudentür und ist begeistert.