Musik in der BRD 1949-2009 (Journal-Sonderveröffentlichung anlässlich 60 Jahre BRD)

Melodien, die bewegten

 

„Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, spottete Karl Berbuer 1949 in seinem Karnevalsschlager selbstironisch über die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen. Gegen Ende der Vierziger Jahre beschleunigte sich nicht nur in Amerika die Ablösung von Big Bands und Swing durch Schlager-Interpreten.

Auch hierzulande dominierte Liedgut, das neben Problemen im Nachkriegsdeutschland vor allem das Urlaubsstreben gen Süden thematisierte. Jupp Schmitz’ „Ich fahr mit meiner Lisa zum schiefen Turm von Pisa“ oder der „Capri-Fischer“ („Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“) von Rudi Schuricke schürten das sentimentale Fernweh voll Harmonie und Glück an italienischen Stränden. Das Wirtschaftswunder machte es möglich. Bis heute spiegeln die veröffentlichten Lieder in jedem Jahrzehnt den Zeitgeist der Musik-Ära wider. Denn Musik prägt das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen, vermittelt Werte und dient als gesellschaftliches Sprachrohr.

1955 war es Caterina Valente, die behauptete: „Ganz Paris träumt von der Liebe“. Von der See ließ dagegen Freddy Quinn träumen, der die Hitparaden z.B. mit „Junge komm bald wieder“ anführte. Der Österreicher nahm 1956 auch am ersten Grand Prix Eurovision (heute Eurovision Song Contest) teil. Sein Titel „So geht das jede Nacht“ lehnte sich an Bill Haley & The Comets’ Song „Rock Around The Clock“ an, mit dem im April 1954 die Geburtsstunde des Rock’n’Roll gefeiert wurde. Das Establishment reagierte entsetzt auf die jungen Wilden mit ihrer 'Negermusik', die eine ganze Generation ins unmoralische Leben zu katapultieren drohten.

Musik war zum neuen Vehikel für eine entstehende Protestkultur geworden. Während Peter Kraus ein eher harmlos-treudeutsches Rock-Abziehbild darstellte, verkörperte Ted Herold zumindest optisch den rebellisch-authentischeren Gegenpart. Deutlich wurden zudem die immer stärkere Dominanz der amerikanischen Musikszene (Elvis Presley, Johnny Cash, Gene Vincent) und das wirtschaftliche Bestreben, sie international zu kommerzialisieren.

Zur Eröffnung des Hamburger Star-Clubs am 13. April 1962 stand eine originelle, aber noch unbekannte Band auf der Bühne: The Beatles. Vier Jungs aus Liverpool mit Pilzkopf-Frisuren, die bis zum 31. Dezember 1962 auf dem Kiez ihre ersten Sporen verdienten und den Grundstein als bedeutendste Band des 20. Jahrhunderts legten. Ebenfalls im Star-Club aktiv: Die Lokalmatadoren The Rattles um Achim Reichel, die Mitte der 60er in Liverpool als die deutschen Beatles verehrt wurden.

Die ZDF-Hitparade, in den 70ern quasi die erste Instanz in Sachen Schlagermusik im Fernsehen, führte wöchentlich Michael Holm („Tränen lügen nicht“), Udo Jürgens („Aber bitte mit Sahne“), aber auch Chris Roberts („Du kannst nicht immer 17 sein“) und zahllose One-Hit-Wonders ins Rampenlicht. Parallel hatte sich Krautrock – meist experimentelle, improvisationslastige Rockmusik – mit Protagonisten wie Amon Düül, Faust, Guru Guru oder Neu! etabliert. Und auch Ton Steine Scherben um Sänger Rio Reiser verschafften sich mit ihren sozialkritischen Slogans „Keine Macht für Niemand“ oder „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ in der linksalternativen Szene Gehör.

Der Jazz ist während der Jahrzehnte immer präsent und setzt deutliche Akzente (Klaus Doldinger, Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner), ohne jedoch die Akteure in den Mainstream zu hieven. Das gelingt am ehesten den gegenwärtigen Erfolgen eines Till Brönner oder Roger Cicero.

Hohes Ansehen – vor allem im Ausland – genießen Kraftwerk („Autobahn“ oder „Das Model“) als Pioniere auf dem Gebiet der elektronischen Musik und der futuristisch unterkühlten Bühnen-Präsentation. Klaus Schulze und dessen Band Tangerine Dream prägten die New-Age-Phase, bis die Eurodisco ihre Pforten öffnete und Boney M. („Daddy Cool“) oder der 'Munich-Sound' von Giorgio Moroder die Tanzflächen beschallten.

Ab 1980 rollte die Neue Deutsche Welle übers Land und spülte Nena („99 Luftballons“), Spliff („Carbonara“) und Peter Schilling („Major Tom (Völlig losgelöst)“) an unsere Ohren, ebenso Chart-Pop im Stile von Modern Talking. Im Rock/Pop-Bereich erreichten Konzerte megalomanische Ausmaße: Marius Müller-Westernhagen, Peter Maffay, Scorpions, Udo Lindenberg oder Herbert Grönemeyer erlebten in diesen Jahren mehrheitlich ihre kommerziellen Hochzeiten, füllten ganze Fußballstadien. Ebenfalls eine große Fan-Basis erspielten sich Punkrock-Bands wie Die Toten Hosen, Die Ärzte oder Die Goldenen Zitronen.

In den 90ern wurde die Musikkultur der Jugend stark durch die Fernsehsender MTV und VIVA beeinflusst. Nutznießer waren in Deutschland sowohl Techno (Loveparade, Sven Väth, DJ Hell) als auch HipHop. Erstmal gelang den Fantastischen Vier 1992 mit „Die da?!“ ein Sprechgesang-Hit; es folgten Fettes Brot, Fünf Sterne Deluxe oder Jan Delay. Im weiteren Verlauf assimilierten deutschsprachige MCs (Bushido, Kool Savas, Sido) vermehrt zum US-Rap und übernahmen dessen provokant-aggressive Texte.

„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ – so formulierte die Hamburger Rockband Tocotronic 1995 den halb ernst und halb ironisch gemeinten Wunsch einer Generation, aus dem Schatten ihrer 68er-Eltern zu treten. Musik war dafür weiterhin ein geeignetes Medium, doch noch nie gab es so viele Musikrichtungen, noch nie war Musik so leicht zugänglich, sei es im Internet, Radio oder Fernsehen. Der Konsument kann nicht nur zwischen Schmuse-Pop (Laith Al-Deen, Söhne Mannheims und deren Oberhirte Xavier Naidoo), Reggae (Gentleman, Patrice), Mittelalter-Rock (Oomph!, Subway To Sally, Schandmaul), Country (The BossHoss, Texas Lightning) und unzähligen deutschsprachigen Rock/Pop-Vertretern (Kettcar, Sportfreunde Stiller, Wir sind Helden, Juli, Silbermond, Rosenstolz) wählen.

Den größten Teenie-Wirbel erzeugen jedoch Tokio Hotel und die jährlichen Entscheidungen bei „Deutschland sucht den Superstar“ – aber wer kennt noch den ersten Sieger Alexander Klaws? Aktueller Abräumer ist der Berliner Peter Fox (Sänger der Dancehall-Band Seeed) als Gewinner des Bundesvision Song Contest und dreifacher ECHO-Preisträger auf dem viertgrößten Musikmarkt der Welt.