NDR-Symphonieorchester spielte Beethoven und Copland unter David Stahl


Orchestrales Kontrastprogramm im Schloß

Ein Blick in das Programmheft kündigte es bereits an: dem Publikum sollte am gestrigen Abend im gut besuchten Konzertsaal des Kieler Schlosses eine Darbietung mit wahrlich gegensätzlichen Charakteren vom Symphonieorchester des Norddeutschen Rundfunks geboten werden.

Neben vertrauten Tönen Ludwig van Beethovens und dem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5, Es-Dur op. 73 mit Solist Bruno Leonardo Gelber betraten viele Zuhörer mit Aaron Coplands Sinfonie Nr. 3 musikalisches Neuland, das es zu erforschen galt. Unter der Leitung von David Stahl begann Beethovens Werk wahrlich furios: zu den Akkordschlägen des Orchesters bearbeitete Gelber mit rauschenden Kaskaden die Tasten des Flügels und nutzte hierbei dessen gesamten Ambitus. Dies war auch kompositorische Absicht, da auf diese Weise der auf sechs Oktaven erweiterte Umfang des Pianoforte zu Beginn des 19. Jahrhunderts entsprechend zur Geltung gebracht werden konnte. Im harmonischen Zusammenspiel wußte das Orchester voll zu überzeugen, während Gelber, mit filigraner Ausdruckskraft und feinfühligem Anschlag bestach. Leichte Abstriche in der Wiedergabe des Werkes konnten nur im Adagio un poco mosso verzeichnet werden, das ein wenig zu schwülstig und pompös anmutete. Der stürmisch hereinbrechende Beifall im Anschluß sprach jedoch eine deutliche Sprache.

Nach der Pause kündigte sich mit dem verstärkten Einsatz von Schlaginstrumenten - zur Pauke gesellte sich auch die kleine Trommel - und Blechbläsern der musikalische Umbruch an. Mit stellenweise übertriebener Lautstärke rüttelte Coplands Sinfonie die Zuhörer aus dem Schlummer des Bekannten. Der Einfluß der französischen Avantgarde der 20er Jahre und des Jazz auf das Schaffen Coplands zeigte deutliche Spuren in diesem Werk. Das Verlassen der rein konsonanten Pfade und die synkopischen Streichereinsätze erforderten die vermehrte Aufmerksamkeit sowohl vom Ersthörer als auch vom stets engagiert dirigierenden David Stahl. Auffällig erschien der repräsentative, gar amerikanisch anklingende Tonfall und die Durchsichtigkeit der Partitur, wodurch Copland den exklusiven Charakter seiner Werke aufgab und seine Musik zusehends einem breiterem Publikum öffnete, ohne sich künstlerisch zu verleugnen. Das begeisterte Publikum zeigte durch seinen lang anhaltenden Applaus, daß es Coplands musikalischen Worte verstanden hatte und auch für die Zukunft Vortragsfolgen dieser Art begrüßt. Henrik Drüner