Nightmares On Wax sorgten in der Pumpe für selig lächelnde Gesichter

George Evelyn hat seine ganz eigenen Fanfaren und Paukenschläge, um ein DJ-Set einzuleiten. Die Hymne hört symptomatisch auf den Namen Nights Introlude und diente schon bei drei Alben des Engländers als Eröffnungsstück. Seine Besonderheit: Statt lärmender Bläser besticht die Erkennungsmelodie durch zuckersüße Streicherlinien und samtweiche Beats, entsprechend der lässigen Musikanschauung des Schöpfers.

In der sich nach und nach füllenden Pumpe beendet eben dieser Song gegen halb Zwei das zähe Warten. Zuvor verhallen die wuchtigen HipHop-Beats der DJ's Gem.co und Till von Sein ohne große Resonanz, bevorzugen die Partygänger wohl noch die Wärme des Sommerabends in Parks und an Stränden. Aber wer sollte die Kieler in Scharen auf die Tanzfläche zwingen, wenn nicht der Mastermind von Nightmares On Wax?

Evelyn bricht den Opener ab und wechselt fließend zu Dubklängen und vertrauten Reggae-Riddims. Selig lächelnde Gesichter nicken im Wiegetakt, nehmen die friedlich stimmende Vorlage dankbar auf. Die Videojockeys von Lichtsport (Holger Risse, Thorsten Alich und Hanja Blendin) projizieren dazu ein A Tribe Kalled Kiehl – als Anlehnung an die HipHop-Band A Tribe Called Quest – an die zahlreichen Leinwände und lassen zuckende Körper mit geometrischen Figuren verschmelzen. Zumindest die Tanzenden stehen für eine Sippschaft, verbunden durch die Lust am körperlichen Ausdruck. Mit präzise zu den Songs abgestimmten Videosequenzen bedient das Trio aufs Beste das visuelle Wohl und macht Diskjockey E.A.S.E. und seinen unglaublich geschmeidigen DJ-Technik (Übergänge! Samples!) gehörig Konkurrenz. Aber Konkurrenzdenken existiert heute nicht – Lichtsport und Nightmares On Wax arbeiten Hand in Hand als symbiotische Einheit.

Evelyn nippt an der exquisiten Mischung Champagner-RedBull, agiert an den Plattentellern aber unauffällig. Kein Mikrogeschrei oder Mitklatschattacken! Der Mann mit Goldzahn und Träger-Trikot lässt stattdessen Musik sprechen: Neben eigenem Material (Ease Jimi vom 99er-Album Carboot Soul) legt der 33-Jährige in seinen Stilblöcken sowohl Sean Paul's Get Busy, Break Up To Make Up der Stylistics als auch den Evergreen California Soul von Marlena Shaw auf. Immer wieder wird so das Genre-Ruder rumgerissen, Dekaden fliegen vorbei und reihen sich als zeitlose Songperlen zu einer faszinierend funkelnden Kette. George Evelyn gilt als Vorreiter moderner Soul-Musik – in dieser Nacht vermittelt er unnachahmlich zwischen dessen Wurzeln und dem Hier und Heute. Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 21.07.2003