Nacht der Clubs 2006 - Raus aus dem Winterkorsett


Kiel – "One World, One Party" verspricht der T-Shirt-Aufdruck von Chrisch, dem Sänger der Skatoons. Runtergedampft auf Kieler Verhältnisse könnte der Slogan übersetzt werden als "Eine Nacht der Clubs, eine Party". Vom Konzert über Kleinkunst bis zu DJ-Sets bot das große Finale alles, was Tausende in dieser Sonnabendnacht auf die Straße und in die Clubs lockte. Alle Veranstalter feierten individuell, aber unter dem gemeinsamen Banner des Kultur-Rausch. Mit Fotograf Bevis und seiner Freundin (sowie freundlichen Fahrerin) Manou ging es für die Szenen zu dritt ins Getümmel.

Die Chronologie unserer Stationen: Start im KulturForum, 21 Uhr. The Love Gloves aus Berlin sind gern gehörte Stammgäste in Kiel, weil sie dem Blues-Genre mit bewährten Mitteln eine frische Politur verpassen. Klaas Wendling und Marko Jovanovic schmeißen die Rhythmusmaschine an, während Sänger und Gitarrist Lars Vegas mit geschlossenen Augen durch die Songs raunt. Er klingt dreckiger und verwegener, als er vom äußeren Eindruck her vorgibt – und das ist wesentlich sympathischer als umgekehrt. Mundharmonika-Spieler Keith Dunn komplettiert das Berliner Quartett, strahlt eine routinierte Spielfreude aus, das unscheinbare Instrument stets im Anschlag. Der Bo Diddley-Klassiker Who Do You Love beweist es: The Love Gloves verkörpern kein überstrapazierendes Muckertum, sie setzen Akzente. Im Publikum nicken Köpfe, wippen eifrig Füße.

"Köpfchen in das Wasser, Füße in die Höh'" heißt es dagegen im Nachtcafé. Das graziöse und anmutige Wasserballett dreier Kellnerinnen ist nur eines der kuriosen Programmpunkte der dortigen Revue. Eine tolle Idee! Organisator Lutz Lueck hat sich ordentlich rausgeputzt, ebenso seine bezaubernde Assistentin Antje. Lueck darf auch gleich ein zart schmelzendes Duett mit Marlene singen, die beiden Fake-Bläser punkten zusätzlich. Professionell, aber schön ironisch.

Stil- und Ortswechsel: Hansastraße 48, 22.30 Uhr. Relativ viele (neun) Musiker drängeln sich auf relativ wenig (15 m²) Bühne. Skatoons-Drummer Michi trommelt schon oben ohne, in den ersten Reihen springt der Pulk zum OffBeat, skandiert die deutschsprachigen Texte. Die SkaRocker aus Hamburg machen ihre Sache hier richtig gut. Bierernst wäre zumindest das andere Extrem. Wie gesagt: one world, one party.

In der Pumpe lässt sich Barry Künzel mit dem Start seines Konzerts etwas zu lange Zeit: Etliche ziehen weiter, denn Konkurrenz gibt es an diesem Abend genug. Um Mitternacht endlich ein Instrumental-Intro, darauf "You Boys (Can Boogie)" mit zweistimmigem Gesang und Bassthema – und alles Warten scheint verziehen. Unterstützt von Montana Chromeboy, Mord Hawkins (Keyboard) und Lin Mainhard (Percussion) wirbelt Barry Künzel als Sänger, Bassist und Schlagzeuger. Aber irgendetwas fehlt. Genau, der überspringende Funke, der vermaledeite. An Künzels Songs wie "Supervisor", "Barrytown" oder "Trust In Us" liegt es sicherlich nicht, auch nicht an dem schon lieb gewonnenen Roxette-Cover "Listen To Your Heart". Der harte Kern an Fans bleibt. Belohnt wird er noch mit einer kurzen Hockern-Performance von Nico (passend zum Nicomatics-Song "Walkin' To The City") und der gefeierten Breakdance-Show von Kieler B-Boys. Ganz klassisch: Kreis im Publikum, aufgedreht Tänzelnde am Rand, einer mittig in Aktion.

Aber die Welt ruft – und Frankreich antwortet. Der Andrang am Eingang des Weltruf ist groß, und auch die Liebeshandschuhe feiern in der Langen Reihe ihre Aftershow-Party. Frankophiles Schwofen zu den Scheiben von Oliver Fröschke und Rolf Witteler. Die Kölner DJs stellen konsequent die expandierende Chansons-Szene Frankreichs vor, darunter Françoiz Breut, Mathieu Boogaerts oder Camille. Weltruf-Chef Jens Lause nennt die Mischung "fluffig" – und charakterisiert mit einem Wort wohl am ehesten den Abend. Doch es gibt auch andere Stimmen: "Die Musik ist nicht schlecht... zum Autofahren."

Das dürfen zu dieser Uhrzeit nur noch sehr wenige. Im Luna sind die zumindest nicht: Die Steilvorlage "Nightclubbing at it's best!" muss eingehalten werden, und jeder Tanzwütige wird nach seinen Wünschen bedient. Auf der unteren Ebene Soulfood mit Lutz und Suppe, später HipHop von Philstarr33, oben Till von Sein mit geraden Beats. Alles super. Viele Gesichter sieht man über den Abend verteilt immer wieder, das Konzept mit den Armbändern scheint aufgegangen zu sein. Kiel will raus aus dem Winterkorsett, will wieder Sommer, will leben – und das merkte man. In einer Nacht wie dieser. Von Henrik Drüner

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Kieler Nachrichten vom 03.04.2006

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