Nacht der Clubs - Auf Tauchtour ins Nachtleben



Zwölf Stunden zuvor war der Startschuss gefallen. Zwölf Stunden, in denen die Kieler mit Nachdruck bewiesen, dass sie richtig feiern können - und als Abschluss des Kultur-Rauschs 2004 auch eine Veranstaltung geboten bekamen, bei der beinahe keine Wünsche offen blieben. Zahlreiche Impressionen schwirren im Kopf herum: Gesichter, Sprachfetzen oder Gerüche, die alle geordnet werden wollen. Die Nacht der Clubs - eine Chronologie. Gemeinsam mit Kollege Bevis beginnt der Abend um 22.15 Uhr im KulturForum. Dort läuft die 60er und 70er Revival-Party mit The Fancy Men; schneller Wechsel in die Räucherei zur "Turkish Pop Night". Vor dem Eingang kommt uns eine vierköpfige Gruppe entgegen, die drinnen "die Hälfte der Anwesenden" ausgemacht hat. Doch Maike (23) aus Kiel weiß genau, was sie von dieser Nacht noch erwartet: "Spaß, Musik und Leute". Kein Problem - bloß nicht hier. Die bulligen Türsteher rechtfertigen die mangelnde Resonanz mit einer türkischen Hochzeit im Nebensaal, die erst noch zelebriert werden muss.

Ganz anders im Fuego del Sur: Während in der Halle400 "Kiels kürzeste Nacht" über die Bühne geht, verbreitet die karibische Nacht hier exotisches Flair. Chronisch Fernwehgeplagte schwofen bereits um 23 Uhr in Scharen zu den Klängen von Tiempo Latino, die mit Akkordeon, Gitarre, Percussion und mehrstimmigen Gesang genau den richtigen Ton finden. Auch die Gruppe um Maike treffen wir auf der Tanzfläche wieder, die sich von der ausgelassenen Stimmung anstecken lassen.

Zurück im KulturForum, spielen nun Seven T's straighten Rock mit Deep Purples Smoke On The Water, doch das Sitzpublikum hält gebührenden Abstand zur Band. Sabine Gerchow an der Kasse rockt trotzdem, fragt schmunzelnd: "Hörst du so was überhaupt? Du bist doch so jung!" Die Gonzo-Show im Nachtcafé - eine interaktive One-Man-Show mit bissigen Kommentaren des Protagonisten - kürt derweil das 11. Gebot aus Zuschauervorschlägen. Zur Auswahl stehen auch "Zahl deine GEZ-Gebühren" und "Du sollst nicht über Gonzo lachen", doch schließlich setzt sich "Du sollst dein Leben nicht missbrauchen" gegen "Du sollst keine roten Knöpfe drücken" durch. Löblich!

Wir ziehen gegen Mitternacht weiter zur Traum GmbH, wo in der großen Halle der bewährte Musikmix à la Losing My Religion und Relight My Fire abgespult wird. Positiv stimmt, dass einige Interessierte sich auch nebenan im Orange Club bei Electrick House umschauen. Denn die Nacht der Clubs ermöglicht es mit einem Eintritt für alle Locations, mal etwa anderes auszuprobieren und über den (mit Jägerzaun begrenzten) Tellerrand des normalen Wochenendprogramms hinauszublicken - der Rest des Jahres ist lang genug. Das MAX-Publikum braucht nicht sehr experimentierfreudig zu sein: Outkast's Hey Ya! oder Aurelie von Wir sind Helden spiegelt Mainstream-Affinität wider, doch die Party steht. Auffällig erscheint der jeweilige Dresscode in den Clubs, der unverkennbar eine gewisse Klientel anspricht und Zusammengehörigkeit signalisiert. Doch heute können und sollen diese starren Abgrenzungen etwas gelockert und Codes gebrochen werden. Draußen setzt leichter Nieselregen ein, doch bei milden Temperaturen lässt sich davon kein Nachtschwärmer abschrecken: lange Schlangen vor dem MAX.

In der Räucherei ein anderes Bild: DJ Mert legt vor leerem Tanzflur auf, obwohl die Hochzeit beendet scheint. Zweite Chance, vorbei. Im Shuttle-Bus, der sämtliche Veranstaltungsorte abklappert, nutzen Thore (21) und Olga (19) die Fahrzeit und beweisen sich innig küssend ihre Liebe. Doch nicht alle schaffen den Einstieg und lassen sich stattdessen an der Bushaltestelle den bisherigen Abend noch einmal durch den Kopf gehen. Nach einem kurzen Abstecher ins Vinyl zu treibenden Electro-Beats ist das Luna die finale Station: Es herrschen Großandrang und tropische Verhältnisse, Eingang und Treppe mutieren zum Nadelöhr. Cai-Chi füttert die Turntables mit Dancehall-Tracks, die Menge wogt und Hände kreisen in der geschwängerten Luft. Ein Ende ist hier nicht in Sicht. Keine Frage: Der Kultur-Rausch 2005 kann kommen! Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 29.03.2004