Oomph! in der Halle 400

 

Kiel – Taumelnd fällt Sänger Dero vorn übergebeugt von einem Fuß auf den anderen. Immer im Kreis und Uhrzeigersinn, als gönne ihm sein unruhiger Geist keine Pause. Um ihn herum ein martialisches Gewitter aus stoisch geprügeltem Bass, Schlagzeug und zwei Gitarren. Willkommen im Industrial-Rock von Oomph!, die in der Halle 400 ihre „Monster“-Tour 2008 – so der Titel des aktuellen Albums – zu einem gefeierten Inferno gestalten.

Oomph!, das ist nicht von ungefähr die Comic-entlehnte Lautmalerei eines dumpfen Schlages. Die Wucht ihrer Songs zielt bewusst in Richtung Solarplexus. Da kann einem schwarz vor Augen werden, nicht nur, weil die zu einem Drittel gefüllte Halle beinahe komplett aus dunkel gekleideten Schattenmenschen besteht. 'Black' ist hier nicht nur 'beautiful', sondern auch Ausdruck einer Lebenseinstellung und gleichzeitig einer Szene-Zugehörigkeit.

Zwei Vorbands wollen da nicht zurückstehen: Die zierliche Mina Harker singt in ihrem deutschsprachigen Pathos-Rock über Nebel, Sturm und Tränen, und kommt bei einem Lied zu der Einsicht: „Ohne dich bin ich allein, ohne dich bin ich verlor’n“. Dagegen drehen All Ends, Labelkollegen von Oomph!, mächtig an der Party-Schraube. Die beiden agilen Sängerinnen Emma Gelotte und Tinna Karlsdotter sollen im Lara-Croft-Outfit für Blickfang sorgen, die düsteren Herren an den Instrumenten fallen vergleichsweise wenig ins Gewicht. Und so mag sich anschließend niemand so recht an einen heraus stechenden Song erinnern, aber der Großteil der etwa 600 Anwesenden fühlt sich von den Schweden aus Göteborg bestens unterhalten.

Pompös starten Oomph! in ihr Set: Synthie-Schwaden aus dem Off, der Hintergrund erstrahlt in kräftigen Blautönen. Einzeln treten Schlagzeuger Léo, die Gitarristen Crap und Flux, Bassist Hagen und Dero auf die Bühne, bis die ersten Takte von „Beim ersten Mal tut’s immer weh“ die Patchouli-geschwängerte Luft zum Vibrieren bringen. Wacken 2009 lockt mit dem Credo „Louder Than Hell“, Oomph! geben in Kiel einen ungefähren Eindruck davon. Mit „Träumst du?“ geht es bombastisch-melodiös weiter, während Irrwisch Dero eine Marionette mimt oder wie angestachelt auf und ab hüpft, das bühnenwirksam geschminkte Gesicht zu einer Fratze verzerrt. Seinen Bandkollegen wurde eher ein minimaler Bewegungsradius zugewiesen. Gewandet in Matrix-Lodenmäntel, mutieren sie zu Salzsäulen. Aber das soll so.

„Wach auf!“ weckt Assoziationen an den prägnanten Dampfhammer-Stil von Rammstein. Wer jedoch vermutet, Oomph! seien nur in deren erfolgreiches Fahrwasser gestoßen, liegt verkehrt – die Braunschweiger gründeten sich bereits 1989. Einen Eindruck ihrer Frühphase bietet „Sex“ vom zweiten Album „Sperm“. Ansage von Dero: „Ihr dürft euch ausziehen und zügellosen Sex vor der Bühne haben!“

Dem Angebot folgt zwar niemand, doch zweimal dürfen die ersten Reihen ihren Helden auf Händen tragen. „Gott ist ein Popstar“ singt dieser, kommentiert mit einem geleckten Mittelfinger und der Textzeile „Ich geb’ euch Liebe, ich geb’ euch Hoffnung, doch nur zum Schein, denn die Massen wollen betrogen sein“. Nicht erst seit dem Gewinn des „3. Bundesvision Song Contest“ wird deutlich, wie viele Menschen eine musikalische und provokante Breitseite favorisieren. Dagegen ist die Kooperation von Oomph! und Mina Harker bei „Bis zum Tod“ als unglücklich einzustufen. Denn der wahre Hit heißt „Augen auf!“, bewusst inszeniert als Schlusspunkt des Zugabenblocks.