P-Pack Tour 2004 im Luna

 

Abende dieser Art sind wohl deshalb so überaus lohnenswert, weil sie in vielerlei Hinsicht das Publikum fordern, unterhalten und beglücken. Kein Nullachtfünfzehn-Schema, das abgespult wird und Kreativität schon beim Aussprechen im Halse stecken bleibt. Ganz im Gegenteil: Das Berliner P-Pack Netzwerk zelebrierte im Luna den Dreierpack aus Spannung, Spiel und Schokolade – das P im Namen steht nicht von ungefähr für Progressivität.

Die Spannung rührte von der musikalischen Vielfältigkeit und der Unkonventionalität, mit der etwa Susie van der Meer ihren Auftritt absolvierte. Während Delfine auf der Leinwand hinter der Bühne marine Schönheit symbolisierten, zogen behäbige Bassschläge aus dem Ghettoblaster, ihrem vorerst einzigen Begleiter zum Gesang. Der Kontrast zwischen dem prolligen Gerät und den ästhetisch anmutenden Sounds hätte dabei nicht krasser ausfallen können, zumal Susie stets vor dem Ende jedes Songs abrupt die Stoptaste drückte: Kein langsames Fadeout, sondern die erfrischend unperfekte Form des Abbruchs. Stop.

Doch die etwa 50 Zuschauer waren ihr von Beginn an wohlgesonnen, spendeten herzlichen Applaus, den die Kreuzbergerin verlegen entgegen nahm. Sympathisch auch, wie sie Luft-Xylophon spielte und zu den ersten Takten von „Victim“ zum Tresen ging, um sich ein Bier zu bestellen. Von Dancebeats zu rockigeren Parts - dann mit Gitarre bewaffnet – wechselnd, imponierte vor allem Susies Stimmvermögen. Das letzte Lied im Programm zeigte noch einmal geballt ihre Qualitäten: eine Mischung aus Björks Timbre mit dem Songwriting von Lamb, unterlegt mit hallenden Dubschleifen. Stoptaste, klasse!

Tolcha nahmen anschließend mit Electro-Dub diesen Sound auf und transportierten ihn in die Live-Situation. Das Quartett, zum wiederholten Male in Kiel, hat eine Schnittstelle gefunden zwischen Track und Song, also Samples und Scratches von DJ Shir Khan auf der einen und Bass, Schlagzeug und Percussion als analoge Instrumente auf der anderen Seite. Doch alle zogen am gleichen Strang: Die dominante Basis bei Tolcha lag im Spiel von Drummer Le Lars, der präzise uhrwerkelnd die zwingend tanzbaren Nummern nach vorne trieb, Breaks setzte und unterstützt vom wummernden Bass die Spannungsbögen einleitete. „Street Vibes“ perfektionierte die bandinterne Symbiose, bei dem sich digitale Gesangs-Fragmente mit der lautstarken Bühnenaktion kunstvoll vereinten.

Bevor DJ Shir Khan an den Turntables mit Bastard-Pop die Clubnacht in den Morgen trug, steigerten Bruder&Kronstädta mit deutschsprachigem Dancehall das Tanzfieber. Obwohl das Duo etwas mit der Akustik zu kämpfen hatte, fand die P-Pack Trilogie einen seelenvollen Abschluss, bei der kaum ein Wunsch unerfüllt blieb.