Paul Armfield: Gebrochene Engelsflügel

Kiel – Man kann sich das bildlich vorstellen, wie die Leute in den Pubs der kleinen Insel über ihrem Pint sitzend lauschen, mit ihrem Finger im Schaum rühren und bei "Sloe Gin" ein paar kleine Tränen vergießen. Wehmut transportiert Paul Armfield in seinen entrückten Folk Noir-Chansons. Sie entstanden auf der Isle of Wright, die besonders Festival-Fans durch legendäre Konzerte von Jimi Hendrix und The Who ein Begriff ist.

Wenn Paul Armfield auf seinen Songs tatsächlich auf Worte verzichtet hätte, würde er uns des Genusses seiner bärigen Crooner-Stimme berauben. Aber so weit geht er auf dem Album "Songs Without Words" dann doch nicht. Das leise, feinsinnige und seelenvolle Kleinod zelebriert vielmehr das Singer/Songwritertum. Wenn dieser mächtige Mann ins Mikro haucht, die Augen geschlossen, die glänzenden Schweißperlen auf der Stirn, dann strahlt so viel Leben aus diesem Gesicht und erklingt so viel Leben aus Saiten und Stimme, dass es andächtig still wird links und rechts vom schunkelnden Rumpf im Weltruf. Und das unabhängig von der viel zu geringen Zuschauerzahl angesichts eines solchen Konzert-Höhepunkts.

Zuvor hatten Circle of Three, eine Kollaboration zwischen dem Briten J.C. Grimshaw und den Magdeburgern Jan Kubon und Burkhardt Schmid, den Abend wie folgt angekündigt: „Erst spielen wir 45 Minuten, dann spielt Paul, dann spielen wir zusammen und dann trinken wir zusammen. Here we go!“ Seit 2007 hat sich Grimshaw, Armfields Gitarrist, für ausgewählte Shows die beiden Musiker der Band T. Basco zur Verstärkung geholt.

Hier treffen die folkig-bluesigen Fingerfertigkeiten J.C.s auf satte Klavierakkorde (Schmid) und satte Bassstimme (Kubon). Eine kontinuierliche Probearbeit gestaltet sich sicherlich schwierig, doch das Set wirkt homogen. Besonders die obskuren Geschichten bleiben im Gedächtnis; die zu "Love Is A Handful Of Shit", wenn die Liebe bei Verlust von Frau und Katzen manchmal wie ein sauberer Schnitt durchs Auge, der gebrochene Flügel eines Engels oder ein ausgetrocknetes Flussbett erscheint.

Doch es ist kein Vergleich zum poetischen Song- und Wortschmied Armfield. Der ist von Anfang an eine Spur intensiver, packender, besser. "Trigonometry" und "Devil On Your Back" festigen die Einmütigkeit zwischen Zuhörern und dem Protagonisten, der teilweise von seinem alten Schulkumpel J.C. begleitet wird. "The Song Of Solomon" ist dessen Sohn gewidmet, und die vertraute Bande begeistert, wenn die singende Säge wimmert, die Harp jault und die perkussive Mandoline pickt. Hinreißend, melancholisch und von höchster Musikalität. Besonderer Dank gilt Jens Lause für sein Festhalten an guter Musik, sein Aufstöbern von tollen Künstlern und seinen unermüdlichen Einsatz für Kultur in Kiel.

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