Mensch und Maschine: Phoneheads feat. MC Glacius


Zwei Projektionen an den Wänden machten deutlich, welchen Weg dieser Abend im Luna einschlagen würde: Zum einen die Abbildung eines Sequenze Synthesizer, Model SQ-01, zum anderen die überdimensionale Nahaufnahme eines Mischpults mit seinen zahlreichen Reglern und Schiebern. Bilder transportieren Inhalte – in diesem Fall die Tatsache, dass die Phoneheads mehr als nur Plattenaufleger sind, indem sie jedes Vinyl mit der größten Effizienz bearbeiten. Die Regler spiegeln dabei die Möglichkeiten wider, die einem DJ zur Verfügung stehen, um den Sound zu beeinflussen und in gezielte Bahnen zu lenken.

Während Philipp Maiburg im Namen der Phoneheads die grummelnden Bässe servierte, setzte MC Glacius am Mikrofon vokale Ausrufungszeichen, konkurrierte seine akrobatische Zunge mit der Geschwindigkeit der vorgelegten Beats. Charakteristisch für den Musikstil des Drum & Bass ist die bewusst straighte Tanzbarkeit, bei dem die weichen Synthieflächen im starken Kontrast zu dem unbeirrbaren Beatgewitter stehen. So entwickelten sich immer wieder genüsslich hinausgezögerte Höhepunkte der Verbindung Mensch-Maschine, die mit einem Schlag explodierten: Maiburgs Hände an den Reglern schnellen herum, lassen die Bässe noch tiefer sinken und die Drumschläge in ihrer Wucht potenzieren, Glacius' undefinierbare Lautkombinationen brechen dazu direkt auf der nächsten Eins aus.

Der Erfolg war sofort auf dem Tanzflur abzulesen, wenn sich beinahe Entrückte noch stärker dem rhythmischen Spiel der Körperteile hingaben. Und Drum & Bass bedeutet richtige Arbeit: Kein Handtaschen-House mit seichtem Auf-der-Stelle-Wippen, sondern schweißtreibende Angelegenheit. Die Lautstärke verhinderte zudem eine gepflegte Konversation und trieb das bestens gelaunte Partyvolk notgedrungen auf die Tanzfläche. "Breakbeats sind eine Frage der Leidenschaft" lässt sich Maiburg zitieren und sollte damit auch im Luna Recht behalten. Nicht der Song war König, sondern die nächste Basslinie! Anstelle der Akkorde stand sie als Instrument und als Melodie oft im Vordergrund, füllte den Raum. Unveröffentlichtes Material von nächsten Album ließ auf einen weiteren Besuch des populärsten deutschen Drum & Bass-Act in Kiel hoffen, denn nicht nur Frank fragte stutzig: "Wo kriegen die Phoneheads immer diese Extraportion Bass her?" Von Henrik Drüner


Aus den Kieler Nachrichten vom 28.06.2003