Pit Baumgartner: Schattenspringen mit Sissi

 

Okay, verstanden. „Tales Of Trust“ (phazz-a-delic/edel) ist also kein DePhazz-Album - der Aufkleber als humoriger Eye-Catcher auf dem Frontcover verkündet es in Großbuchstaben. Für Produzent Pit Baumgartner, Mastermind der seit über zehn Jahren erfolgreichen Lounge-Institution, schien es umso wichtiger, auch die musikalischen Projekte außerhalb des dortigen Konzepts zu pflegen.

„Ich habe für mich schon viele Mechanismen erkannt, und da fällt es mir manchmal schwer, eine grundsätzliche Naivität in die Musik zu legen. Grundsätzlich muss auch das hundertste Liebeslied genauso von Herzen kommen wie das erste. Das DePhazz-Songwriting war immer für die Bühne konzipiert und verlor mit der Dauer an Charme.“ Baumgartner besann sich auf seine Stärken, indem er Wellenbewegungen in der Hörergunst akzeptiert und nach dem Solo-Debüt „Fräuleinwunder“ weiterhin wohltemperierte Klangmalereien und subtile Krautrock-Einflüsse, entstanden in Kooperation mit Kraan-Schlagzeuger Jan Fride, mit grenzüberschreitenden Samples kombiniert.

Solo sei alles verspielter, mit mehr Freiheit, auch wenn er seinen Arbeitsstil nicht verändert habe. „Ich würde gerne stilistisch richtig ausbrechen, doch letztendlich lande ich immer wieder bei meinem Sound. Ergo: Man kann nicht über seinen Schatten springen.“ Überschneidungen mit den letzten DePhazz-Alben sind offensichtlich und zeichnen sowohl den Bossa „Easy Goodbye“ als auch den Song „Phantomgesicht“ aus, der auf die Titelmusik zur Krimi-Serie „Der Kommissar“ verweist. Weitere Sample-Referenzen kommen beispielsweise von Shakespeare und Mussorgsky, während „Heavy Dream Rotation“ mit Gitarren-Folk überzeugt.
Dank der Erfahrung des Bandleaders geschieht dies alles sehr gewieft und augenzwinkernd. Im Studio halfen ihm illustre Gäste wie die Sängerinnen Giedre Kalciauskiene aus Litauen, Jutta Glaser und Angel Jones. Aber auch Joo Kraus, Thomas Siffling oder das junge Akkordeon-Talent Tobias Escher gingen in Heidelberg ein und aus, um Ideen festzuhalten.

Um dem künstlerischen Anspruch von „Tales of Trust” zu genügen, sorgte der in Berlin lebende britische Maler Christopher Winter, der bereits mit Damien Hirst und Jeff Koons ausstellte, für den visuellen Rahmen. „Eine ästhetische Frage war: Wie möchte ich dastehen? Mein Ziel ist es, ein stimmiges Produkt abzuliefern, das in Erinnerung bleibt und die Originalität schützt.“ Laptop-Performances auf Vernissagen sind somit potenzielle Chancen, ein neues Publikum anzusprechen. Doch erst einmal steht für den Halb-Österreicher die Fußball-EM an. Mit „Sissi 2008“ schrieb er das Lied zur eigentlichen „Todesgruppe“, Gruppe B mit Österreich. Henrik Drüner