Polarkreis 18 auf der „Unser-Norden“-Bühne

Weltumarmende Einsamkeit

 

Kiel – Es ist diese besondere Live-Faszination, die man nicht am Küchenradio oder an PC-Boxen nachvollziehen kann. Direkt vor den Zugaben erfüllt sich der Wunsch der Ausharrenden: Endlich der Song, bei dem der Titel ad absurdum geführt wird. „Wir sind allein. Allein, allein“, vorgetragen im emphatischen Gemeinschaftsgesang aus Tausenden Kehlen. Quasi weltumarmende Einsamkeit an der Hörnspitze, inszeniert von Polarkreis 18.

Die junge Band aus Dresden ist scheinbar immer auf der Suche nach Reinheit und Kühle. Von der Lichtregie in tiefes Blau oder Grün getaucht und von Maschinen eingenebelt, haben sich die sechs Musiker in weiße und deutlich figurbetonte Bodysuits gezwängt. Der Bassist entschied sich darüber hinaus für einen weißen Hut. Doch die tief stehende Abendsonne macht ihre eigene Lichtregie, so dass die optischen Stimmungsverstärker auf der „Unser-Norden“-Bühne weitestgehend verpuffen.

So ein Kieler-Woche-Konzert ist eine willkommene Chance, eine Band abseits ihrer bisherigen ein („Allein Allein“), zwei („The Colour Of Snow“) sattsam bekannten Lieder kennen zu lernen. Und es ist daher auch geschickt, die Geduld der Hit-Abwarter auf die Probe zu stellen. Zu vielfältig ist ihre Musik mit all den Stilverweisen zwischen britischen Shoegazer-Gruppen, Sigur Rós und a-ha, zu wissend klingen die beiden Alben, zu gewitzt sind die Arrangements mit gediegenen Dancebeats, feisten Soundwänden und wabernden Hallgitarren.

Gegründet 1998 als Jack of All Trades, firmieren Felix Räuber (Gesang, Gitarre), Uwe Pasora (Bass), Philipp Makolies (Gitarre), Christian Grochau (Schlagzeug), Bernhard Silvester Wenzel (Klavier, Elektronik) und Ludwig Bauer (Keyboard, Gitarre) seit 2004 unter dem Namen Polarkreis 18. Erstaunlich, wie ihr bombastischer, prahlerischer und transzendenter Breitbandpop schon in dieser Besetzung Wirkung zeigt – dabei sind die Streicher von CD noch nicht einmal vor Ort.

Paradebeispiel „Dreamdancer“: Die hochmelodiösen Strophen klingen nach Kalkstein und Eiswüste, im hymnischen Refrain setzt allumfassende Vokalpolyphonie ein, bis das Prog-Rock-Finale die Ohren frei bläst, wenn Schlagzeug plus drei Teilzeitpercussionisten für Trommelwirbel sorgen. Das kann ohne Frage auch peinlich enden – tut es in diesem Fall jedoch nicht. Nur kollidiert diese Mixtur teilweise mit der bierseligen Stimmung an der Hörnspitze.

Und dann ist da noch Felix Räuber. Der exaltierte und androgyne Frontmann neigt zur großen Geste, segelt auf den Worten und schwebt in hohen Oktaven. Äußerlich eine Kreuzung aus Philipp Lahm und Tim Fischer, liegt er stimmlich zwischen jenem Fischer und Morten Harket. Doch nicht jeder kann eine permanente helle Knabenstimme ertragen. Und so richtig aufbauend ist es auch nicht, was an Deutschsprachigem aus dem Wust hervorblitzt: „Wir kommen nirgendwo an“, klagt er bei „Tourist“, „Wann hört das auf?“ quält er sich in „Prisoner“ und wirft sich anschließend theatralisch zu Boden. Witzig die Situation, als er ein vermeintliches Bad in der Menge nimmt und grinst: „Man sieht ihn nicht, aber ich sitze auf ihm“. Gemeint ist Tontechniker Markus, der ihn auf den Schultern getragen hatte.

Bevor Polarkreis 18 in der Zugabe Talk Talks „Such A Shame“ aufrauen, lassen sie Deutsch und Englisch ineinander fallen und demonstrieren die Einsamkeit der Masse: „A heart awakes to celebrate our loneliness. Wir sind allein. Allein, allein.“