Majestätisch: Primavera-Quartett


Schon erstaunlich, auf welch hohem Niveau das Primavera-Quartett sein Programm einstudiert. Angesichts der Tatsache, dass bis auf Cellistin Bettina Günst die drei übrigen Akteure momentan viel Zeit und Energie für das Philharmonische Orchester Kiel freisetzen müssen, ist die Leistung beim Konzert in der Lukas-Kirche noch umso höher einzustufen. Enttäuschend allerdings die Resonanz: Gerade einmal ein Dutzend Zuhörer wollte den Werken von Franz Xaver Richter, Georges Onslow und Antonin Dvorák lauschen.

In Richters Streichquartett Nr.1 kam deutlich der sinfonische Charakter zum Vorschein, den der Meister der Mannheimer Schule propagiert hatte. Das Kieler Quartett befolgte hierbei strikt die Vortragsangabe "con brio" und entfachte gleich zu Beginn das geforderte Feuer. Im ruhigen Andante füllten warme Klänge den eher karg gestalteten Raum des Gotteshauses, während im letzten Satz das Cello mit präzisem Fundament vor zu großer Eile bewahrte.

Das majestätische Spiel mit wuchtigen Unterstimmen (Viola: Hartmut Volkens) und dem markanten Ton der Violinen – besonders Claudia Michel – prägten das Allegro im Quartett Nr.2 in d-moll von Georges Onslow. Leider unterbrach der Verkehrslärm von draußen nicht nur in den Satzpausen die konzentrierte Ruhe, mit Folgen bei den Zuhörern: Nach dem etwas fahrigen Andante con Variazioni trat bereits der Applaus ein, bevor das Finale mit feinen Dynamikabstufungen erklang.

Nach der Pause setzte das Primavera-Quartett – dann bei geschlossener Tür – das kurzweilige Programm chronologisch mit Dvoráks Amerikanischem Streichquartett op. 96 fort. Inspiriert von seiner Zeit in New York führte die Komposition von 1893 in Tonlandschaften einer anderen Welt. Stephan Eichmann vermittelte eindrucksvoll zwischen fließender Kantabilität und rhythmischer Impulsivität, die das schwärmerische Lento sowie das energische Molto vivace mit Frage-Antwort-Spiel der Violinen durchzieht. Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 16.06.2003