Psychopunch - Adrenalinschub auf schwedische Art

 

Kiel – Macht der Gewohnheit. Hinterm gläsernen Pumpe-Eingang links, durch den Vorhang, direkt in den Saal. Doch statt schwedischem Punk'n'Roll schwofen Tango-Paare über die Fläche. Selbst die dank Moneybrother, Mad Sin und Smoke Blow zuletzt vom Publikum verwöhnte Pumpe-Crew muss einsehen, dass irgendwann das Konzert-Budget eines Monats erschöpft ist. Also rocken Psychopunch eine Etage tiefer im Roten Salon – jedoch nicht minder beeindruckend in Tempo und Durchschlagskraft.

Einmal quer durch die zehnjährige Bandgeschichte geht die Reise, beeinflusst durch so illustre Gruppierungen wie Motörhead, Ramones, Sex Pistols oder auch Social Distortion. Zuvor bringen Aimee Cares aus St. Gallen den Keller auf Betriebstemperatur. Die Schweizer um die reizende Sängerin Stefanie Buri rufen 90er Rock, unbeschwerte Open-Air-Sommer und konkret Skunk Anansie in Erinnerung. Vor allem Buris Stimme gleicht verblüffend deren Frontfrau Skin, und auch der Band-Sound mit harten Gitarren und diversen Synthesizer-Effekten weist eine gewisse Analogie auf. Den überwiegend männlichen Zuschauern aber, die wegen Psychopunch gekommen sind, klingt es wohl ein wenig zu konventionell und zahm.

Deutlich wird die Zäsur durch ein schepperndes Gitarrenriff, mit dem das Western-Mariachi-Intro jäh durchbrochen wird. Alle vier Psychopunch-Stimmen transportieren ungestümen und dreckigen Rock'n'Roll, dabei ironisch und doch kompromisslos. "If You Say So" von der aktuellen Doppel-CD "Moonlight City" oder auch "Killing The Truth" sind Brecher von einem Song. Bei "On The Stereo" lässt sich Shouter JM im ruhigeren Mittelteil feiern, indem er theatralisch die Arme ausbreitet und den huldigenden Applaus der Turbojugend-Kuttenträger entgegen nimmt. Für Drummer Peppe bedeutete die aktuelle Platte Endstation. Seinen Platz nahm rechtzeitig zum Jahreswechsel Jocke ein, der nun auf dieser Tour seinen Live-Einstand gibt. Ohne Anpassungsprobleme treibt er die Songs nach vorne, inmitten von räudigen Gitarrensoli, die bei den Schweden noch geschätzt werden. Joey (Gitarre) und Mumbles (Bass) wirken dabei wie Parodien ihrer selbst, wie Rock-Opas mit schwarzem Cowboyhut, Lederweste und blankem Oberkörper.

"Hurts Me More Than I Can Say" und "Stranded (For Holly Ramone)" beweisen, dass auch Rocker-Herzen brechen können, wenn es in simplen Worten heißt: „Don't leave me stranded / Don't leave me sad and blue / Just tell me what the hell to do”. Die erste Reihe wirft derweil Arme und Fäuste in Richtung Bühne und versucht, lauter zu grölen als JM. Ein hoffnungsloses Unterfangen: Der Mann ist Besitzer eines Reibeisens von besonderer Prägung. Nachdem "The Black River Song" mit Folklore-Note die schwedische Heimat besingt, setzen die Zugaben drei Kreuze hinter diesen Abend. Beziehungsweise drei Sechsen.

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