Rakim

 

Die Visionen der Offenbarung können mit jedem Katastrophenfilm aus Hollywood mithalten. Es ist die Geschichte dieser von Sünde geplagten Welt. Setzt sich ein Eastcoast-Rapper mit solch einem brisanten Thema auseinander, ist Skepsis angebracht. Doch Rakim ist kein normaler Rapper: „The Seventh Seal“ (Ra Recordings/SMC/Soulfood) ist das Comeback einer lebenden Rap-Legende.

Die Superlative sind schnell bei der Hand: Er ist uneingeschränktes Vorbild von Kollegen wie GZA, Jay-Z oder Nas. Verschiedene Quellen zählen ihn zu „The Greatest Rappers of All Time“. Und es gibt sicherlich einen triftigen Grund, warum Rakim auch „The God Emcee“ genannt wird. Ein Fels in der Brandung, im Telefoninterview mit den kontemplativen Zügen eines Mönchs: Die sonore, ruhige Stimme, die spirituellen Überlegungen und der religiöse, etwas mahnende Unterton, der trotz mancher Phrase aus seinem Mund dennoch plausibel und beinahe weise klingt. Rakim alias Rakim Allah, geboren 1968 als William Michael Griffin in New York, ist nur ein Jahr älter als Jay-Z oder Diddy – dennoch gilt er als Grand Seigneur des US-HipHop. Gleich zu Beginn des neuen Albums entspricht „How To Emcee“ einer Art Leitfaden für Nachwuchs-Rapper: „Es geht darum, was ein junger MC tun sollte und welche Qualitäten er mitbringen sollte.“ Sein entscheidender Ratschlag: sich und seinen Prinzipien treu bleiben, sich nicht verleiten lassen. „Einen wahren Künstler macht aus, woran er als Künstler glaubt.“ Ist sich Rakim denn in den 25 Jahren seiner Karriere immer treu geblieben? Die diplomatische Antwort: „I like to believe I did.“

Comeback-Album nennt man wohl die Situation, wenn ein Künstler nach zehn Jahren kreativer Schaffenspause wieder ein komplettes Studioalbum aufnimmt. 1997 sein Solodebüt „The 18th Letter“, der Nachfolger „The Master“ bereits 1999. Doch wie viele Hochkaräter des Rap schlug sich auch Rakim anschließend mit seinem Label – in diesem Fall „Aftermath“ von Dr. Dre – herum, saß jahrelang auf der Ersatzbank, mit einem fertigen Album in der Tasche, das wegen künstlerischer Differenzen mit der Geschäftsführung nicht auf den Markt kam. Bis dahin wurde Rakims Karriere schon mit allen Höhen und Tiefen konfrontiert: 1985 lernte er den hochbegabten Musiker und DJ Eric B. aus Queens während einer Radioshow kennen. Nach zwei Demos platzte 1987 mit dem Debüt „Paid In Full“ der Knoten, als sämtliche Eckpfeiler eines HipHop-Meisterwerks – Beats, Scratches, Flow, Rhymes und Samples – Maßstäbe setzten. Doch die Partnerschaft von Eric B. & Rakim hielt nur bis 1994, es folgte die Trennung im Unfrieden. Funkstille, Rechtstreitigkeiten, das ganze Programm. „Kein Zweifel, das waren miese Zeiten. Doch das Gute zeigt sich auf verschiedenen Wegen. Vielleicht hat es mir auch geholfen, jetzt an diesem Punkt angelangt zu sein. Eric und ich haben seitdem einige Male miteinander gesprochen. Ganz normale Gespräche, kein böses Blut.“

Nicht von ungefähr trägt das dritte Soloalbum den biblischen Titel, der sich auf das siebte Siegel in der Offenbarung des Johannes bezieht. In seinen Texten und Reimen verarbeitete Rakim seit jeher seine Gedanken über Religion und Wissenschaft. Mit seinem lakonischen Bassbrummen und dem besonderen Grad an Synkopierung entlässt er dann Zeilen wie „My rhyme flow different like a hieroglyphic/ Mind prolific“ (in: „Holy Are U“). Wenn Roland Emmerich uns zu Zeugen des Weltuntergangs im Jahr „2012“ macht, dann sind einige Stücke auf „The Seventh Seal“ das songtextliche Pendant. Rakim: „Wir leben in einer Zeit, in der die Offenbarungen sich verstärkt zeigen. Die Naturkatastrophen, die Seuchen kommen wieder, die Kriege... Alles apokalyptische Zeichen, über die ich spreche. Ich möchte dieses Thema wieder ins Bewusstsein rücken, auch auf metaphorischem Weg in den HipHop.“

Für einen 42-Jährigen gleicht es insbesondere im schnelllebigen HipHop-Zirkus einem Vabanquespiel, stilistisch den richtigen Ton zu treffen. Er wisse, dass sich alles weiterentwickle, dass alles wachse. „Klar, Old School war melodischer. Aber man muss mit der Zeit gehen und trotzdem immer daran denken, was einen so weit gebracht hat. Ein Spagat zwischen den Erwartungen und eigenen Ansprüchen, ohne dabei zu viele Kompromisse einzugehen.“ Im Song „Won’t Be Long“ untermauert Rakim dieses Statement: „Complete my legacy/ Without compromising my artistic integrity.“ Die neue Platte liefert insofern keine Neuverortung oder einen entscheidenden Beitrag zur zeitgenössischen HipHop-Kultur, doch es ist mehr als nur ein Lebenszeichen.

Es sind ohnehin nicht die Gangster-Salven, mit denen sich Rakim Gehör verschafft. Liebeslieder bestimmen die Mehrzahl der Tracks, ohne prominente Mikrofongäste, ohne namhafte Produzenten. Stattdessen die familiäre Kooperation bei „Message in a Song“ mit seiner 19-jährigen Tochter Destiny Griffin. Der stolze Vater: „Ich glaube nicht, dass sie eine professionelle Sängerin werden wird. Aber sie singt sehr gern und hat auch Talent. Überhaupt eine der schönsten Erfahrungen im Leben: Ich habe auch Söhne, aber eine Tochter ändert dich auf eine ungemein positive Art. Es ist einfacher, seinem Sohn zu zeigen, wie er in die Knie gehen muss, um einen Crossover beim Football zu starten, aber wenn du deine Tochter erziehst, öffnest du dich dem Leben gegenüber.“ Es gehe darum, Liebe zu geben und zu empfangen, seiner Familie, aber auch den Fans, denen er auf Tour begegnet: „All diese empathischen Erfahrungen machen mich zu einem besseren Menschen.“ So spricht wohl nur ein beseelter „God Emcee“.

Henrik Drüner