Raphael Saadiq

 

Er steht mit Mick Jagger bei der Grammy-Show auf der Bühne, trägt bevorzugt taillierte Anzüge und Hornbrille und lässt im Handstreich 1967 und 2011 eins werden. Selbst nach einem Vierteljahrhundert im Musikzirkus gehört Raphael Saadiq zu den maßgeblichen Motoren des momentanen Soul-Revivals. Dabei hat sein mittlerweile viertes Soloalbum „Stone Rollin’“ (Sony Music) mehr zu bieten als nur nostalgisches Motown-Feeling.

Es ist noch gar nicht lange her, dass der Sänger, Songwriter, Musiker und Produzent Raphael Saadiq bei der 53. Verleihung der Grammys im Staples Center in Los Angeles eine tragende Rolle spielte: In einem "In Memoriam"-Teil der Show ehrte er zusammen mit dem Rolling-Stones-Frontmann die im vergangenen Jahr verstorbenen Künstler. Darunter auch den König der Seelsorger, Solomon Burke. Dessen größter Hit "Everybody Needs Somebody to Love" brachte noch einmal die Atlantic-Ära in den 1960ern ins Gedächtnis. Saadiq zeigt sich im Nachhinein vor allem begeistert von seinem Bühnenkollegen: "Mick Jagger ist der coolste Typ überhaupt. Er hat eine gute Seele, ein absolutes Verständnis für Musik und kennt die Geschichte des Soul. Es fühlte sich absolut natürlich an, mit ihm zusammen auf der Bühne zu stehen."

Was aus diesen Worten schon deutlich wird: Raphael Saadiq ist ein Gentleman, ein Dandy, der im Zeitalter der Beschleunigung, des Spektakels und der medialen Überpräsenz beinahe auf verlorenem Posten steht. Beim Telefoninterview klingt er so, als würde die Abspielgeschwindigkeit der Verbindung nach Detroit zu langsam laufen, quasi runtergepitcht mithilfe der Coolness und Erfahrung aus 25 Jahren im Musikgeschäft. Im Zeitraffer liest sich seine Vita wie eine stringente Aneinanderreihung von musikalischen Stationen. Der 44-Jährige, geboren als Charlie Ray Wiggins, begann mit sechs, Bass zu spielen, mit 18 begleitete er bereits Prince’ "Parade Tour", bevor er ab 1988 mit Tony! Toni! Toné! für Aufsehen sorgte. Das R&B/Soul-Trio, bestehend aus Raphael, seinem Bruder D’Wayne Wiggins sowie Vetter Timothy Riley, feierte mit den Alben "Who?", "The Revival" (1990) und "Sons of Soul" (1993) vor allem in Nordamerika große Erfolge. Doch die drei zerstritten sich und gingen fortan getrennte Wege. In der Rückschau äußert sich Saadiq daher entsprechend rigoros: "Tony! Toni! Toné! war ein Teil meiner Karriere. Ich bin dankbar für alles, was ich damals gelernt habe, und versuche, meinen Nutzen daraus zu ziehen, aber das Kapitel ist definitiv abgeschlossen. Ich vermisse nichts!" Auch Lucy Pearl, das daran anschließende Soul-Projekt mit Sängerin Dawn Robinson (En Vogue) und Ali Shaheed Muhammad (A Tribe Called Quest), löste sich nach nur einer CD und Hits wie „Dance Tonight“ wieder auf. Seitdem ist Raphael Saadiq, der in der Zwischenzeit den moslemischen Nachnamen angenommen hatte, als Solokünstler unterwegs. Oder er verhilft als Produzent Kollegen wie D’Angelo, The Roots, Macy Gray und Erykah Badu zu preisgekrönten Veröffentlichungen.

In Amerika scheint Soul die Musik der Stunde zu sein. Es beruht auf der schwarzen Mittel- und Oberschicht der „Obama Nation“ (Kanye West), die sich vom Sexismus und den Gewaltszenarien der Gangsta-Rapper distanziert und sich stattdessen auf die Traditionen der sechziger Jahre beruft. Wärme, Natürlichkeit und Zwischenmenschlichkeit sind die Stichworte, die in diesem Zusammenhang oft genannt werden. In den Songs dreht sich alles um gebrochene Herzen, um gekittete Herzen, die Schmach des Verlassenwerdens, um Einsamkeit und erhoffte Zweisamkeit. Am erfolgreichsten waren die Sängerinnen und Sänger, in deren Schmerz sich die Hörer wiederfinden konnten. Saadiq bekräftigt den emotionalen Background: „Dieses ,broken hearts‘-Ding ist nicht nur im Soul anzutreffen, sondern der Stoff, aus dem generell große Popsongs gemacht werden. Doch im Soul geht es zudem um Dinge, die dich im Alltag betreffen, über die du zu Hause sprichst. Die Emotionen sind daher authentisch, eine Art internationale Sprache: Wenn du zu einem schönen Gitarrenriff und passendem Schlagzeugbeat die geheimen Gedanken der Menschen aufgreifst und als eine Art Erzähler in Gesangsmelodien umsetzt, dann ist das eine besondere Fähigkeit und Möglichkeit.“ Ähnlich äußerte sich Berry Gordy, Gründer des legendären Motown-Labels, auf die Frage nach seiner „Hit-Formel“: „Ganz einfach, es ging um die Wahrheit. Die Wahrheit, was die Gefühle und die Aussage eines Songs betrifft. Wir haben uns da nicht groß was einfallen lassen, sondern es so gesagt, wir wir es selbst erlebt haben.“

Diese Formel funktioniert noch immer: Neben den jungen britischen Sängerinnen Adele und Rumer ist es vor allem Aloe Blacc, der mit seinem Album „Good Things“ zahlreiche Jahresbestlisten füllte und dabei nicht mit stilistischen Soul-Verweisen geizt: Wah-Wah-Gitarren, Kirmesorgel, Falsettgesänge – alles klingt satt nach dem Detroit des Jahres 1967. Das passende Label dazu hört auf den Namen Daptone Records, beheimatet in New York. Mit dessen Hausband, den Dap-Kings, nahm Amy Winehouse ihr Erfolgsalbum „Back to Black“ auf. Und selbst die eigentliche Sängerin der Band, Sharon Jones, erlebt aktuell ihren zweiten Frühling als Sängerin. Doch die 55-Jährige brauchte mehr als 100 Tage und Nächte, um gebührenden Respekt und Anerkennung zu bekommen: „Man hat mir immer gesagt, dass ich einfach nicht gut genug aussehe, dass ich zu dunkelhäutig, zu klein und zu fett sei. Seit meinem 25. Geburtstag sagten sie, ich sei zu alt.“

Auch bei Raphael Saadiq, der diese neue Welle mitträgt, kommt die Würdigung im Grunde Jahre zu spät: Schon auf seinen Alben „Instant Vintage“ (2002), „As Ray Ray“ (2004) und „The Way I See It“ (2009) formulierte er originalgetreu durcharrangierte Soul-Kompositionen, konnte Stevie Wonder für Mundharmonika-Soli gewinnen und trug auch mit seinem adäquaten Outfit (Anzüge, Ärmel und Kragen in Fuchsschwanzoptik, Hornbrille) zum Gesamtwerk bei. Für ihn gehören Kleidungs- und Musikstil ohnehin zu einem übergeordneten Ganzen: „Im Laufe der Jahre hat sich bei mir ein bestimmter Stil entwickelt. Ich hab den Motown-Dress studiert, wie ihn Temptations-Mitglied David Ruffin vorgelebt hat. Das war einfach die Art, wie man sich in Oakland gekleidet hat, wo ich aufgewachsen bin. Insofern besteht darin für mich eine direkte Verbindung zur Musik.“ Sein aktuelles Album „Stone Rollin’“ erinnert an The Temptations, Al Green, The Four Tops, teilweise auch an den Rock’n’Roll eines Chuck Berry, genauso wie an Stevie Wonder und Sly Stone. Da ist es kein Wunder, dass er nur sehr unwillig als Vertreter der Etikette Neo-Soul gilt. Und auch der Vorwurf einer Pastiche, also einer akribischen Nachahmung, wird ihm nicht gerecht. Stattdessen macht sich Raphael Saadiq Gedanken um den Status quo des Soul: „Es bereitet mir ein bisschen Sorge, dass dieses Leuchten in Vergessenheit gerät. Aber ich denke, es wird immer einige Auserwählte geben, die diese Musik weiterführen und die nach den Wurzeln graben.“ Auf die Frage, wer diese Auserwählten seien, reagiert Saadiq ungewohnt narzisstisch: „Ich bin definitiv einer davon. Viele andere kenne ich gar nicht.“

Der Optimalfall für einen Künstler ist immer der, wenn die Fans die Entwicklungsstufen mitgehen und mitwachsen. Erst dann werden Veränderungen als Teil einer persönlichen und daher auch musikalischen Evolution angenommen. Songs wie „Moving Down the Line“ (tolles Querflötenmotiv!) und „Good Man“ transportieren den klassischen Motown-Sound, doch darüber hinaus gibt es schwelgende Orchester-Stücke und solche, bei denen sich Saadiq als fingerschnipsende Rock’n’Soul-Dampfwalze zeigt. Was auf dem Vorgänger „The Way I See It” noch etwas kühl und reserviert blieb, klingt jetzt wesentlich direkter und lebendiger. Diese neue Frische war auch bewusstes Ziel bei den Aufnahmen. Saadiq: „Ich war davor zwei Jahre auf Tour. Und dabei kam der Wunsch auf zu versuchen, die Energie der Liveshows auch auf dem Album spüren zu lassen. Das war ein Prozess, den ich bewusst unterstützt habe.“ Den Großteil der Songs nahm er allein auf – als Multiinstrumentalist kein Problem. Wenn er Gäste dazu holte, dann nicht aus der Not heraus, sondern um die Ausdrucksmöglichkeiten noch weiter auszureizen: „Der Gesang bei zwei, drei Songs kommt von Taura Stinson. Sie ist auch aus Oakland und wie eine Adoptivschwester für mich. Außerdem spielten noch Robert Randolph an der Pedal Steel Gitarre, Keyboarder Larry Dunn von Earth, Wind & Fire und die Sängerin Yukimi Nagano von Little Dragon aus Göteborg einige Spuren ein. Es gab also einige Studiogäste, aber im Grunde ist das Album mein Baby. Ich habe mich auch mittlerweile daran gewöhnt, regelmäßig im Studio an den Songs zu arbeiten, Spuren aufzunehmen, sie zu überarbeiten oder zu experimentieren. Das war nicht immer so.“

Unter diesen alltäglichen Aufgaben leidet allerdings seine Funktion als Labelchef. Von Pookie Entertainment existiere zwar noch die Domain, aber momentan seien alle Aktivitäten auf Eis gelegt. „Ich komme überhaupt nicht dazu, an Veröffentlichungen zu arbeiten, und konzentriere mich stattdessen auf meine Sachen: Songwriting, Promotion, Tour. Mitte März geht es los, und erst mal ist kein Ende abzusehen!“ Raphael Saadiq ist das perfekte Beispiel eines Künstlers, dessen Studioalben nicht die gesamte Bandbreite wiedergeben können, weil sie erst in der Live-Situation vollkommen aufgehen. „Stone Rollin’“, diese Lovestory infiziert mit Funk, Blues und einer großen Portion Soul, wird dazu beitragen, den Stein weiter ins Rollen zu bringen.