Reamonn ließen eine riesige Menschenmenge vor die „Unser-Norden“-Bühne strömen

Was für die ganze Familie


Kiel - Das T-Shirt von Raymond „Rea“ Garvey sieht von weitem aus wie die Jacke eines Zirkusdirektors. Würde ja auch passen: Die Hörnspitze als maritimer Circus Maximus, Reamonn-Sänger Garvey als Regisseur und Dompteur des willfährigen Publikums. Zu Tausenden drängen sich die Zuschauer an der „Unser-Norden“-Bühne, um das Konzert der Freiburger Rockpop-Band zu verfolgen. Ein Gefühl von Stadion, ein Gefühl von Sardine in der Dose.

Wer weiß, was aus dem gebürtigen Iren Garvey geworden wäre, wenn er sich 1998 nicht nach Deutschland aufgemacht hätte. In seiner Tasche damals: 50 DM Startkapital und eine Demo-CD. Anfangs schlug er sich als Roadie und T-Shirt-Verkäufer auf Festivals durch und spielte als Alleinunterhalter in Pubs, bis ein Inserat mit dem Text „Sänger sucht Band für Platte und Tour“ die Gründung von Reamonn anschob. Mittlerweile stellt es für die fünfköpfige Combo kein Problem dar, eine derartige Menschenmenge knapp eineinhalb Stunden zu unterhalten. Mit Liedern, die politisch korrekt sind, gefällig und tadellos gespielt. Ein Wohlfühlkonzert für die ganze Familie, denn wirklich böse rockig sind sie nur selten.

Zweifelsohne bekommen Uwe Bossert (Gitarre), Mike „Gomezz“ Gommeringer (Schlagzeug), Philipp Rauenbusch (Bass) und Sebastian Padotzke (Keyboard, Saxofon) einen wuchtigen Sound mit auf den Weg. "Moments Like This" vom aktuellen fünften Album "Reamonn" ist so ein Song, der nach vorne treibt und die Zuschauer Kopfnicken lässt. Bei "Set Of Keys" klingen Reamonn wie ein U2-Double. Doch "Through The Eyes Of A Child" zeigt auch, dass der melodische Soundkosmos von Reamonn neben den rockigen Parts auch Balladen mit verträumten Arrangements bereithält. In dieser Kombination aus Melodie und Dynamik, aus Herz und Faust, findet sich nicht nur ein Großteil der Hörerschaft von R.SH - Veranstalter des Abends - in seinem Musikgeschmack wieder.

Rea Garvey hat die Animier-Gesten für Zuschauerzahlen dieser Größenordnung drauf. All die Fragen wie „Are you ready to rock?“ oder „Are you ready to sing?“, wie „Are you okay?“ oder „Are you with us?“, für die es nur eine Antwort geben kann. Er stellt sie, die Leuten antworten mit „Yeah”, und beide Seiten sind zufrieden. Ein einfaches Spiel. Sehr beliebt auch persönliche Anekdoten, wenn Garvey vom Verlust seines Eherings vor einer Woche berichtet, von der verständlichen Missstimmung seiner Frau, und davon, wie er den Ring nach vier Tagen im Hausmüll wiedergefunden hat. Das anschließende Rührstück "Million Miles" widmet er seiner geliebten Gattin, und es singen wohl noch mehr tief im Herzen Bewegte mit, als es schon vor dieser Ansage der Fall war. Kein Wort über den Tod des „King of Pop“, hier spielt Reamonn.

Die Songliste zieht sich durch alle Alben, bietet "Tonight" mit Garveys spanisch anmutender Akustikgitarre oder
"Serpentine" mit pompösem Streicher-Keyboard und frenetischen „Oh-oh-oh“-Chören in Richtung Bühne. Und spätestens mit den Zugaben, neben "Alright" auch mit Karrierekatalysator "Supergirl", empfehlen sich Reamonn für höhere Weihen. Die neutralen Zuschauer sind vollauf zufrieden, die Fans begeistert - so sieht das Ergebnis eines erfolgreichen Festival-Auftritts aus. Ansehnliche Erfolgsgeschichte, die Garvey mit seiner Zeitungsannonce angestoßen hat.

KN-Online