Regy Clasen: In voller Pracht erblüht


Kiel – In solchen Glücksmomenten kann auch ein zwischenzeitlicher Stromausfall den Fortgang nicht stoppen. Ganz im Gegenteil: Das Publikum singt die Zeilen von „Kann ich bleiben (heute nacht)“ kurzerhand im hundertfachen Chor inbrünstig weiter und trägt den Song, das Konzert und die Künstlerin auf Händen. Regy Clasen genießt die Sympathien sichtlich, nachdem schon zuvor ein Zwischenruf („Wir mögen dich!“) deutlich machte, wem auf dem Abschlusskonzert des Duckstein Festivals die Herzen zufliegen. Ein tolles Finale.

Was beim Debüt "So nah" im Keim angelegt war, ist inzwischen in voller Pracht erblüht. Mit dem Album "Wie tief ist das Wasser" findet Regy Clasen eine ganz eigene Nische in der hiesigen Musiklandschaft. Ihr individueller Sound zwischen Akustik-Folk, zeitgemäßem Soul und R&B liegt weit abseits der üblichen Klischees. Die Stärke der Hamburger Sängerin und Songschreiberin ist jedoch nicht nur ihr Repertoire, sondern vor allem ihre Bühnenpräsenz. Clasens liebevolle und sympathische Art, mit dem Publikum umzugehen, erzeugt von dem ersten Ton an ein Wir-Gefühl zwischen Bühne und dem Auditorium an der südlichen Hörn.

"Fischer, Fischer" markiert den leisen, atmosphärischen Auftakt. Matthias Clasen, Regys Bruder, bedient sämtliche Blasinstrumente und ist an Saxophonen oder Flöten beinahe im Dauereinsatz. Martin Meyer sorgt für den weichen Fender-Rhodes-Sound, und auch Christian Gauger (Gitarre), Emre Akca (Schlagzeug, Percussion) und Ralli D. (Bass) fügen sich in den deutschsprachigen Soul-Pop, der bei "Endlich" auch gewaltig Groove transportiert. Mit ihrer sanften Stimme sinniert Clasen in den Songtexten beinahe monothematisch über das Ach und Weh der Liebe, über Glück und Leid, die in der Begegnung von Mann und Frau oft dicht beieinander liegen.

Die Folgen von Amors Pfeilen sind bekanntlich vielfältig, besonders bei Regy Clasen: In "Ich fahr zu dir" findet sie Worte für eine scheinbar aussichtslose Schwärmerei, "Keine Liebe mehr" ist selbsterklärend, und der Song "Da werd ich sein" beinhaltet den Treueschwur einer Verliebten, immer und überall zum Auserwählten zu halten. Das spricht vielen (Frauen) aus dem Herzen, die Wort für Wort mitsingen, mitsprechen oder mit den Lippen lautmalen. Sie alle klammern sich an das idealisierte Wunschbild einer aufrichtigen Liebe, gerichtet an einen fiktiven oder auch realen Partner. Innere Monologe, zementiert in Versform.

Passend dazu im Anschluss Clasens "Männer"-Version von Herbert Grönemeyer, der sich anfangs begeistert von der entschlackten Interpretation gezeigt haben soll, in einem aktuellen Interview aber nichts mehr von einer Regy Clasen wissen will. Mit weiteren Coversongs (Hildegard Knefs "Frag nicht warum") und Gedichtsvertonungen ( "Heimlich zur Nacht" von Else Lasker-Schüler) demonstriert Regy Clasen ihre Bandbreite, bevor sie allein am Klavier "So gerne" intoniert und Gänsehaut ins weite Rund streut. Eine Intensität, die ganz allein auf der romantischen, absolut kitschfreien Musik beruht. Den Zuschauern fröstelt es in dieser klaren Vollmond-Nacht, doch die Dame an den Tasten versucht sie alle zu wärmen.

Der wohl am häufigsten missverstandene Titel handelt nicht von einer Liebesnacht im üblichen Sinne, sondern von der Begeisterung nach einem Marc-Cohn-Konzert. Dort singt sie: „Eine Liebesnacht hat tausend Seelenlichter zum Strahlen gebracht / Und in dieser Nacht hat eine große Menschenseele leise gelacht.“ Da gleicht jeder Ton einem Kuss. Kein Xavier Naidoo oder Rosenstolz können da mithalten. In einer anderen, besseren Welt wäre Regy Clasen definitiv kein Geheimtipp mehr.

Quelle im Internet: http://www.kn-online.de/artikel/2209044