Zitate aus dem Realbook - Round Midnight ließen im Luna Mut zum Risiko vermissen

Die Wahl des Bandnamens stellt für viele Musiker eine größere Hürde dar, als später eine Welttournee zu organisieren. Beim Jazzquartett Round Midnight schien es wesentlich schneller zu gehen: Ralf Böcker und Andreas Petzold trafen sich bei einer Kiste Bier, um schließlich den omnipräsenten Songtitel aus der Feder von Thelonious Monk auszubrüten, den schon Miles Davis, Chet Baker, Herbie Hancock oder Charlie Parker einspielten.

Das Konzert im Luna sollte die Premiere des Kieler Quartetts in dieser Besetzung sein. Dementsprechend nervös gingen sie daran, ihre Interpretationen von Standards aus dem Realbook vorzutragen. Vier Herren, klassisch in schwarz gekleidet, mit dem klassischen Programm für eine Jazzband ohne eigenes Repertoire. Immer wieder dieses Realbook, Bibel für jeden Jazzmusiker und Lebenselixier für jede Jam Session mit seinem scheinbar unerschöpflichen Fundus an Songmaterial. Round Midnight pickten sich teils geläufige, teils unbekanntere Stücke heraus und bereicherten sie mit ihren Improvisationen.

Ralf Böcker am Altsaxofon gab dabei den Ton an, stellte die Themen vor und dirigierte die Solieinsätze. Doch erst bei Joy Spring von Clifford Brown löste sich bei ihm die leicht angezogene Handbremse. Zu konzentriert wurde zu Beginn aufs Zusammenspiel geachtet, als dass sich Spielwitz hätte entfalten können. Der Turtle Walk (Lou Donaldson) mit einprägsamer, genüsslich auszukostender Melodie vom Saxofon bewies das Gegenteil. Hier lagen Schlagzeuger Andreas Petzold und Stefan Finke am Kontrabass auf einer Rhythmus-Welle, und das zahlreiche Publikum nahm sie begeistert auf.

Pianist Christian Lorenzen war die akkordische Stütze aller Songs. Schön, wie er zwischen perlend fülliger Tastenarbeit bei Jobims Triste und gespielten Pausen bei Sandu wechselte, und auch in den Soli seine filigrane Fingerfertigkeit aufblitzen ließ. Nicht fehlen durfte der Songtitel zum Bandnamen, den Round Midnight einer Begradigungs-Therapie unterzogen. Mit zwei Auswirkungen gegenüber dem Original: Einerseits erhielt der Song einen zurückgelehnten Groove, andererseits lief er so in geregelten Bahnen, ohne viel Wagnis. Als das Konzert "round midnight" dann zu Ende ging, mochte man dem Quartett für die nächsten Auftritte mehr Mut zum Risiko wünschen. Ihre Instrumente beherrschen sie alle – ohne Zweifel.

Henrik Drüner

 

Kieler Nachrichten vom 24.01.2003