Versunken im Groove


Schultze Trio mit Sängerin Hanna Jursch im Luna

Wer in der umkämpften Musikbranche einen Fuß in die Eisentür bekommen möchte, braucht neben einem guten Produkt vor allen Dingen Vitamin B. Wohnte die große Schwester des Bandleaders nicht in Kiel und hätte die erste Kontaktaufnahme mit den Veranstaltern eingefädelt, wäre das Konzert des Schultze Trios im Luna wohl nicht zustande gekommen. Und wäre nicht mit dem dem Zuhörer-Glück zusammengetroffen.

Im Programm des Trios stand zwar Jazz zwischen Lyrik und Swing. Aber der erste Song, ein Arrangement des Klassikers The Beauty & The Beast, machte von Beginn an deutlich: Namensgeber Stefan Schultze am E-Piano, Peter Schwebs (Kontrabass), Timo Warnecke (Drums) und Hanna Jursch am Mikro wollten nicht festgefahrene Erwartungen erfüllen. Stattdessen ertönte jazziger Drum'n'Bass à la 4 Hero oder Micatone mit tollem Bassthema, flinkem Schlagzeug und verschrobenen Pianoklängen.

Sängerin Hanna Jursch bildete hier wie auch im weiteren Verlauf die Nahtstelle zwischen Bandgefüge und Trio-Jazz. War sie im Einsatz, agierten die drei Mitstreiter gemeinsam und ordneten sich dem dominanten Gesang unter. Auch die Zuhörer im gut besuchten Luna hatten einen Anhaltspunkt. Herrlich, wie die Hannoveranerin den für Jazz typischen Nonsense-Gesang beherrschte.

Bei den instrumentalen Stücken war der 23-jährige Schultze mit seinem Melodieinstrument tonangebend, quetschte seinen langen Körper hinter die niedrigen Tasten und beeindruckte mit innovativen Soli, ambient perlenden Akkordbrechungen bei Lonely Call und bereits ausgereiftem Songwriting. Der Eindruck eines Konzentration-fressen-Seele-auf blieb im ersten Set jedoch erhalten, besonders zu spüren beim frickeligen Virus. Der Wille, den ungeraden Metren Paroli zu bieten und möglichst fehlerfrei zu bleiben, war stärker als der Versuch, die synergetische Kraft des Zusammenspiels zu nutzen.

Erst nach der Pause schmunzelten die Musiker über kleine Missverständnisse, spielte Schwebs – ganz versunken im Groove – den Bass mit geschlossenen Augen. World Music erklang mit Afro Blue, das Darth Vader Theme dagegen im experimentellen Jazz-Gewand und im Duo bewiesen sich Schultze/Jursch mit einer melancholischen Ballade. Da durfte die Schwester mit Recht stolz sein auf den kleinen Bruder, der sein Potenzial hier noch nicht einmal voll ausgeschöpft hatte.


Henrik Drüner

Kieler Nachrichten vom 07.03.2003