Situation Leclerq in der Schaubude

Sound-Hybrid, zwingend tanzbar

 

Kiel – Bei Kraftwerk diente die „Mensch-Maschine“ 1978 als ein musikalisches Statement zum Industriezeitalter und den inhumanen Auswüchsen in totalitären Gesellschaftsformen. Auch bei Situation Leclerq existiert dieser Hybrid aus Mensch und Maschine – allerdings verkörpert er bei der Band aus Hannover und Hamburg eher die jeweiligen Vorzüge: Gitarre, Bass und Drums für diejenigen, die eine klassische, handgemachte Rock-Instrumentierung bevorzugen, Synthies und Programming für die Electro-Fraktion.

In der Schaubude entsteht so ein hedonistischer, zwingend tanzbarer Mix aus 80er Disco, Prince und New Wave, aus Indierock und DJ-Set. "Tanzbar" verkommt in der Musikrezeption zwar zu einem penetrant verwendeten Begriff für alles, was nicht innerhalb der vier Viertel auf den Bäumen ist. Aber bei dem Quartett trägt der Sound die Bezeichnung völlig zu recht. Verantwortlich für dieses Discofieber sind der meist in Oktaven hüpfende Bass (Robert Witoschek) und das agile Schlagzeug (Sascha Cammarota) mit dominanter Hi-Hat. Sänger und Gitarrist Shaun Hermel sowie Nils Nordmann (Gitarre und Synthesizer), die gemeinsam auch das Electro-DJ-Duo Königin Mutter bilden, sorgen für den melodiösen Part.

Hermels Gesang ist nicht schön im Sinne von markant oder brillant, doch allemal zweckdienlich. Melancholischer Pop prägt den „Elevator Boy“, und mit „Shiny Booth“ folgt ein Mini-Hit, der in anderer Konstellation – sei es ein anderer Tag und/oder ein anderer Ort – ungeahnte Folgen auf der Tanzfläche provozieren würde.

Doch die Aufforderung zum Tanz verhallt auf dem Weg durch die verwaiste Lokalität. Angesichts einer Handvoll zahlender Gäste hat das Konzert eher Züge einer öffentlichen Probe. Situation Leclerq nehmen es mit Humor: So wird jedem Zuschauer, der sich namentlich vorstellt, ein Song gewidmet. Und die unbeirrbaren Kicker-Nerds, die während des Auftritts nicht für einen Moment den Ball ruhen lassen, bekommen von der Bühne den Fehdeschuh hingeworfen: „Wir fordern!“

Es erstaunt, dass das aktuelle Album „Glaxo“ erst eine Woche alt ist, während die Band bereits über fünf Jahre zusammen spielt. Doch Besetzungswechsel und kollabierende Plattenfirmen zwangen sie immer wieder zum Aufschub, obwohl man schon mit The Whitest Boy Alive oder Zoot Woman Publikum, Bühne und Backstageraum teilen durfte.

Nach 45 Minuten in der Schaubude schwingt sich die Falsettstimme von Schlagzeuger Cammarota noch einmal in die Höhe. Beim großartigen Song „Read My Lips“, der auch Pharrell Williams oder Justin Timberlake gut zu Gesicht stehen würde, spuckt der Roland SH-201 unentwegt seine Synthietöne mit Sägezahnschwingungen aus. Glitzerstaub legt sich über die chromfarbene Oberfläche der Discokugel, die bewegungslos an der Decke verharrt. Und dann wird es still.