Soil & „Pimp“ Sessions

Normal sind die nicht. So setzen Soil & „Pimp“ Sessions auch auf „6“ (Brownswood/Rough Trade) die lieb gewonnene Tradition fort, offene Münder zu hinterlassen. Umso mehr Klärungsbedarf ergibt sich: Warum Jamie Cullum am Album einer japanischen Band beteiligt ist. Was ein Megafon bei einem Jazzkonzert zu suchen hat. Oder warum sich eine Band freiwillig den Stempel „Death Jazz“ aufdrückt.

Gestatten: Soil & „Pimp“ Sessions, die vielleicht explosivste Jazzformation des Planeten, bestehend aus Shacho (Agitator), Tabu Zombie (Trompete), Motoharu (Saxofon), Josei (Keyboards), Akita Goldman (Kontrabass) und Midorin (Drums). Vor allem Shacho, der zwar kein Instrument spielt, dafür aber als Zeremonienmeister aus jedem Konzert ein Spektakel macht, trägt seinen Künstlernamen, oder besser: Kampfnamen, vollkommen zu recht. Er agitiert mit machohaften Posen, einem Hauch absoluter Coolness und brüllt per Flüstertüte „We need your energy“ in die Menge. Eine absolut skurrile Show! „Wir wollten aus den vorgefertigten Formen der japanischen Clubszene ausbrechen und stattdessen aufregende Events schaffen, die mehr Interaktion zwischen Musikern und Publikum bieten als herkömmliche Jazzkonzerte. Also weg von der üblichen Sender-Empfänger-Starre“, so der sympathische Aufwiegler.

Ursprünglich als Live-Begleitung zu DJ-Sets in Tokio entstanden, emanzipierte man sich durch Aufstockung immer stärker zu einer eigenständigen Band. Als polemische Reaktion auf die Häme der Jazz-Puristen bezeichnete man den eigenen Stil als Death Jazz – und behielt diese eigenständige, aber weniger ernst gemeinte Genrebezeichnung bis heute bei. Die internationale Aufmerksamkeit kam durch den englischen Radio-DJ Gilles Peterson, der Soil & „Pimp“ Sessions beispielsweise für seinen Abend während des Montreux Jazzfestivals engagierte, ihre Songs in seiner „Worldwide“-Radiosendung vorstellte und sie schließlich bei seinem Label Brownswood unter Vertrag nahm.

Ganz mit der Club-Vergangenheit brechen wollen die sechs Hasardeure aber nicht: „Natürlich gibt es noch viele DJs um uns herum, die uns inspirieren. Nicht nur Gilles Peterson, der auf dem Album einige Tastenparts eingespielt hat. Oder DJ Kentaro (Vinyl-Wizard zwischen Rap, Drum & Bass und Breakbeats, Anm. d. Verf.), der das Album-Intro als Soundcollage gestaltete. Und ich bin ja auch DJ! Die Remixe sind schon auf dem Weg.“ Darüber hinaus organisieren sie in Zusammenarbeit mit Musikerkollegen ein Event namens „nbsa“ (National Band School Associates, www.nbsa.info), um das landesweite Netzwerk innovativer Künstler zu pflegen.

Was Soil & „Pimp“ Sessions gegenüber anderen Bands mit außergewöhnlichen Live-Qualitäten auszeichnet: Sie schaffen es, das Energielevel auch auf den bisherigen sechs Studioalben zu halten. „Unser Geheimnis im Studio ist: Wir stellen uns die ganze Zeit vor, dass wir auf der Bühne stehen“, erklärt Shacho. „Denn Energie ist der wichtigste Faktor bei unserem Treiben – dementsprechend orientieren wir uns daran.“ In den Songs verbinden sie ihre profunden technischen Fähigkeiten mit aggressiver Spielfreude, bewegen sich geschickt zwischen Dancefloor und Avantgarde, getreu dem Motto: „Music has no border“. Ein sechsköpfiger Wirbelwind, der bei aller punkigen Attitüde und agiler Bläsersätze nicht vergisst, einprägsame Melodien in seine Stücke einzubauen.

Der Eindruck des organisierten Chaos kommt zumindest nicht von ungefähr: „Als Josei ,Double Trouble‘ schrieb, sprach er oft von Coltrane-Changes und übte die ganze Zeit ,Giant Steps‘.“ Eines der Konzepte von John Coltrane basiert auf der Tatsache, dass zyklisch geschlossen verlaufende Akkordfolgen immer stringent logisch bleiben. Diese besonders komplexe Progression wird oft Coltrane-Changes genannt, obwohl er nicht der erste oder einzige Musiker war, der sie benutzte. Shacho: „Unser Hauptziel war es, diese abstrakten Akkordwechsel noch weicher zu spielen, damit das Publikum nicht den Eindruck bekommt, dass es zu kompliziert zum Genießen sei.“

Auf dem aktuellen Album arbeiten Soil & „Pimp“ Sessions erstmals mit Vokal-Unterstützung. Bei „My Foolish Heart (Crazy On Earth)“ singt die Japanerin Ringo Sheena, den Jazz-Standard „Stolen Moments” von Oliver Nelson interpretiert Jamie Cullum. „Wir kamen mit Jamie vor einigen Jahren zusammen, als er uns zu einem seiner Konzerte eingeladen hatte. Wir waren begeistert von seiner Attitüde, Jazz vollkommen zu respektieren, ihn gleichzeitig aber in Stücke zu zerlegen und anschließend auf eine erfrischende Art wieder zusammenzubauen. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben und haben im Oktober 2007 gemeinsam das ,Electric Proms‘-Festival der BBC bestritten.“ Shacho kann sich sogar vorstellen, einen hauptamtlichen Sänger oder Sängerin zu beschäftigen. „Wenn wir jemanden treffen, der unser Sänger sein könnte!? Warum nicht, das klingt nicht unmöglich.“ Bis dahin dominieren noch Groove-Monster wie „Pop Korn“ oder das sechsminütige Feuerwerk „Papa’s Got A Brand New Pigbag“, bereits 1981 ein Instrumental-Hit der britischen Band Pigbag.

Dass nach dem Debüt „Pimpin’“ von 2004 alle folgenden Albentitel („Pimp Master“, „Pimp of the Year“, „Pimpoint“ und „Planet Pimp“) das Pimp-Potenzial hochhalten, sieht Shacho mit „6“ nicht gefährdet. Im Gegenteil: „Die Zahl ist doch viel besser als ein weiteres Wortspiel. Es kann doch kein Zufall sein, dass wir sechs uns zum ersten Mal in Roppongi in Tokio getroffen haben. Roppongi heißt ,sechs Bäume‘. Nur mit dieser Besetzung konnten wir Death Jazz entstehen lassen – und wir könnten es nicht, wenn einer von uns fehlte.“