Stefanie Heinzmann auf der „Unser-Norden“-Bühne

Natürlich stimmgewaltig

 

Kiel – Zugegeben, da steht nicht Aretha Franklin oder Diana Ross auf der „Unser-Norden“-Bühne. Auch nicht Joss Stone, mit der Stefanie Heinzmann oft – und ihrerseits wohl auch gerne – verglichen wird. Aber wenn eine junge Casting-Show-Siegerin ihr Faible für Soul und Funk der 70er Jahre in vollen Zügen ausleben kann und dabei überdurchschnittlich unterhaltens- und hörenswert klingt, dann mögen die Spötter und Nörgler am besten schweigen.

Im Januar 2008 hatte die 20-Jährige aus dem Kanton Wallis im Südwesten der Schweiz das Finale von Stefan Raabs hieroglyphischem TV-Wettbewerb „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“ gewonnen. In jeder der Qualifikationsrunden war bereits ihre Vorliebe für Motown deutlich geworden, der Sound aus R&B-, Soul- und Pop-Elementen, der international durch Amy Winehouse, Duffy oder Adele im vergangenen Jahr sein kommerzielles Comeback feierte und den Heinzmann vor allem mit „Like A Bullet” bedient.

Geradezu verloren wirkt die zierliche Sängerin auf der großen Bühne, wie direkt vom Oberstufenschulhof oder aus einer innerstädtischen H&M-Umkleidekabine gekidnappt. „Masterplan“, gleichzeitig Album- und Songtitel ihrer Debüt-CD, markiert das Intro. Um sie herum wirbelt eine siebenköpfige, ausgesprochen energetische und ausgebuffte Band, darunter ein feuriger Percussionist, zweifacher weiblicher Backgroundgesang und all die bewährten Trümpfe für Auge und Ohr. Dagegen muss Stefanie Heinzmann nicht mit affektiertem Sexappeal punkten wie viele ihrer Kolleginnen. Und diese Natürlichkeit steht ihr gut.

SoulPop mit Electro-Grundierung bestimmen „I Bet She Doesn’t Feel It“, und es ist offensichtlich, dass die Begleitband bei rasanten Abfahrten aufblüht. Für Soli werden die Musiker von der Leine gelassen, bleiben aber immer handzahm. Man feiert Jahrestag in dieser Besetzung: 2008, ebenfalls auf der Kieler Woche, war Premiere. Heute, bei „unfassbar schönem Wetter“, kommt Heinzmanns Stimme am besten zur Geltung, wenn eine Ballade wie „Best Thing You Ever Did“ das Tempo drosselt und im Gegenzug das Ausdrucksvermögen ansteigt. Ganz entspannt bedankt sich die Schweizerin bei einem Unbekannten, und im Hintergrund jault die Orgel.

„Only So Much Oil In The Ground”, das gelungene Cover von Tower Of Power, liegt mit seiner Funk- und Acid-Jazz-Basis nahe. Ungewöhnlicher die Wahl und Interpretation von Metallicas „The Unforgiven“ – doch das Publikum zeigt sich wohlwollend. Ebenso beim Schmachtfetzen „Xtal“, komponiert und vorgetragen von Bruder Claudio, der auch ihr Manager ist und „jede Rolle in meinem Leben spielt“. Was würde Jill Scott dazu sagen? „It’s Love”, von Stefanie Heinzmann als Zugabe ausgewählt. Dass eine große Zuschauermasse nicht unbedingt richtig, aber zumindest laut singen kann, beweist sie zuvor bei „My Man Is A Mean Man“. Wie lange die Popularität anhält, wird man sehen, wenn im Herbst das neue Album erscheint.

KN-Online