Feine Akzente zuhauf

Stephan-Max Wirth Ensemble im Luna


Für zwei ganz entgegengesetzte Dinge sind wir gleich sehr eingenommen: für die Gewohnheit und das Neue. Letzteres birgt jedoch ein erheblich größeres Risiko, aufgrund von Skepsis und Berührungsängsten fehlzuschlagen – besonders Veranstalter und Musiker kennen dieses Verhalten beim Publikum zur Genüge. Um es vorwegzunehmen: Die Premiere des Jazzabends im Luna mit dem Stephan-Max Wirth Ensemble war überaus vielversprechend. Das Berliner Quartett mit den Namensgeber am Tenorsaxofon überzeugte durch ein abwechslungsreiches Programm, das in entspannter Atmosphäre Lust auf mehr machte.

Gleich im ersten Song wurde das ganze Potenzial des Ensembles deutlich. Auf einem gemeinsam vorgestellten Thema aufbauend, setzte jeder der Vier feine Akzente in den Soli und zog eigene Bahnen, um schließlich wieder im sicheren Hafen der Band aufgenommen zu werden. Für ihr erstes Konzert auf der Tour bewies das Ensemble bereits eine erstaunliche Homogenität im Zusammenspiel. Wirth entlockte dem Saxofon die ganze Bandbreite von Stimmungen, mal mit weichem , sehnsüchtigem Ton, mal rauchig oder herrlich schräg. Statt penibler Songstrukturen dominierten improvisierte Live-Arrangements. Ein immer wiederkehrendes Schema, das nichts von seinem Reiz einbüßte, weil stets mit neuem Inhalt gefüllt. So konnten sowohl Martin Speight am Klavier und Bassist Konstantin Wienstroer als auch Wolfgang Roggenkamp am Schlagzeug eine frische Natürlichkeit bewahren, die durch den exzellenten Sound noch unterstützt wurde. Das völlig unverstärkte Saxofon hatte genügend Durchsetzungsvermögen, während sich Roggenkamp gleichzeitig dezent zurückhielt oder den Besen auf der Snare kreisen ließ.

Die Songs, fast alle aus der Feder des Bandleaders, wechselten zwischen der schmachtenden Ballade Bar Berlin, dem wohltuend einprägsamen Motiv von Kontrabass und Saxofon bei Lafayette sowie Daydreamer mit lässigem Latin-Feeling. Ein verheißungsvoller Start für das Stephan-Max Wirth Ensemble – hoffentlich auch für Live-Jazz im Luna.

Henrik Drüner

Kieler Nachrichten vom 01.11.2002