String Thing im Kulturviertel

Überwinden von Grenzen oder Bewusste Extreme

 

Wenn Kompositionen Namen wie "Höllenmund" oder "Und ewig dröhnt der Orient" tragen, so kann sich der Konzertbesucher darauf einstellen, nicht mit musikalischen Einheitsbrei abgespeist zu werden. Dies machte das Quartett "String Thing" im Kulturviertel vom ersten Takt an deutlich: Es griff auf seiner Reise in beinahe sämtliche Schubladen des Schrankes, in dem Musikgenres - säuberlich voneinander getrennt - aufbewahrt werden, und mischte diese nach Belieben. Folglich prallten Jazz, Klassik, Latin und minimalistischer Freestyle ungebremst aufeinander.

Das Ziel, sich von eingefahrenen Hörgewohnheiten abzuwenden, schwebte die gesamte Konzertdauer über im Raum und begeisterte die erfreulich zahlreichen Mitreisenden. Frank Skriptschinski legte am Kontrabass das Rhythmusfundament, auf dem sich dann Schicht für Schicht der bizarre Klang von Susanne Pauls Cello und der Bratsche von Mike Rutledge aufbauten. Die Melodieführung übernahm meistens Nicola Kruse an der Geige, bisweilen herrlich schräg. Die Instrumente schienen sich voneinander zu entfernen, eigene Kreise ziehend, um dann wieder zueinanderzufinden. Der Korpus des Cellos wurde als Conga zweckentfremdet, die Bratsche diente zwischenzeitlich als Gitarre, es wurde mal gezupft, mal geschrubbt oder auch geklopft. Meinte der Zuhörer, ein vermeintlich bekanntes Thema erkannt zu haben, brach noch während des Gedankens abrupt jegliche Kontinuität ab und mündete in neuen Klangwelten, weit weg von zu Hause.

Die verschachtelten Geschichten der vier Musiker erforderten höchste Aufmerksamkeit beim Ersthörer, machten aber gleichzeitig auch neugierig auf den nächsten Trip. Diese führten direkt in den Orient, als "Vogel Jakob" in die Lüfte, in den Jahresablauf von "Twelve Months" und zum "Preacher and the Voodoo Woman". Die Zuhörerschaft entließ String Thing, die bereits das dritte Mal in Kiel auftraten, erst nach zweimaliger Zugabe, um anschließend verdientermaßen über das Gehörte zu reflektieren. Schade nur, daß sich das Quartett mit "Crossover-Kammermusik" eine eigene Schublade einrichten mußte, wo es doch selbige bewusst aufgerissen hatte. Henrik Drüner