Strom & Wasser in der Pumpe: Heinz Ratz provoziert mit treffenden Worten


Kiel - Wenn man seine Musik hört, beschleicht einen vieles, vor allem aber das soziale Gewissen. Es müsste viel mehr Lieder geben, die im Wohnzimmer und in der Kneipe funktionieren, ohne die Leute zum doofen Mob zu machen. Heinz Ratz, Sänger, Bassist und Radikalpoet von Strom & Wasser, ist ein reflektierter Widerständler, der den Protest in wohlfeile Worte packt.
Ungehobelt und provokativ, aber stets mit Bonmots und politischer Standhaftigkeit veredelt. Er bohrt den Zeigefinger brennend in die Wunde, ohne ihn zuvor mahnend erhoben zu haben. Eine gekonnte Gratwanderung.

In der Pumpe gibt es keine zwei Meinungen. Ein Teil der Zuschauer hat es sich auf dem Boden vor der Bühne gemütlich gemacht. Die friedlich-solidarische Atmosphäre eines Kirchentags weht durch den Saal, im krassen Widerspruch zum Inhalt der Lieder, mit denen die Formation ihr mittlerweile viertes Album "Farbengeil" veröffentlichte. Auch bei Sven Panne saßen sie schon im Sitzkreis, lauschten den Rockchansons des Hamburgers am Klavier. Ein wenig Sven Regener kommt stimmlich durch, oder auch Rio Reiser, geerdet vom sportlich-agilen Tastendrücken. "Keine Wunden – keine Feuer" heißt eines der Lieder, in dem Panne von einer verflossenen Liebe singt, die ihm nicht aus dem Kopf geht. So flüchtet er sich in Träume, denn wenn es nach ihm ginge, heilte die Zeit keine Wunden und löschte keine Feuer. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und wer mehr davon hören möchte, sollte Anfang nächsten Jahres zum Konzert ins Prinz Willy kommen.

Strom & Wasser springen anschließend mühelos und ohne jeden Respekt von Walzer zu rasantem Ska-Punk, von Akustikrock zu Tango. Ein stilistisches Mosaik, geknüpft zu einem fliegenden Patchwork-Teppich, mit dem man den alltäglichen Schmu aus luftiger Distanz betrachten könnte. Denn in einer Zeit, in der das reichste Zehntel der Bundesbürger über zwei Drittel des Gesamtvermögens besitzt, müssen sich Typen wie Heinz Ratz engagieren. Im Januar und Februar 2008 wird er konzertierend von Dortmund nach München laufen, um auf die Not der Obdachlosen hinzuweisen. An diesem Abend begleiten ihn Fee Stracke mit flinken Fingern am Piano sowie der noch genialere und verspielte Schlagzeuger Benny Greb. Rhythmen und Tempi sind keine Parameter, an denen sich das Publikum festhalten kann.

Alles ist im ständigen und abrupten Wechsel begriffen. Anhand der zahlreichen Genres lässt sich die musikalische Bandbreite erahnen, wodurch sich der Sound auch von den drei großen Liedermacher-W's (Widmann, Wecker, Wader) abhebt. Tiefsinnig und mit rauchigem Timbre beklagt Sympathieträger Ratz "Das Lied von der Elbe" und macht auch keinen Hehl aus seinen Abneigungen, wenn er den "CDU-Tango" als Anti-Merkel-Hymne tanzt oder "Panzerfahrer Jupiter" als willfährigen Super-Soldaten entblößt. Aber man ändere ja eh meistens erst etwas, wenn es schon zu spät sei. Denn dafür muss man über den eigenen Schatten springen. Eine schwierige Übung.

 

Quelle im Internet: http://www.kn-online.de/artikel/2253176