Tackleberry festigten in der Pumpe ihren Ruf als formidable Live-Band

Druckvoll den Boden umgepflügt


Kiel - Der Reiz von Hardcore-Konzerten beruht darauf, dass sie immer so grundehrlich und ungeschminkt sind. Keine Heuchelei, keine halben Sachen in den oft nur zweiminütigen Songs. Oder, wie es ein Fanzine-Autor formulierte, „weil sie Boxsack, Taschentuch und Alkohol in einem sind“. Die Release-Show zum neuen Album der Kieler Band Tackleberry stand exemplarisch für diese Eigenschaften.

"Reinventing Appetite For Destruction" heißt ihre zweite Langspielplatte. Mit dem Album von Guns N' Roses hat das nur herzlich wenig gemein - vielmehr dominiert hier die adäquate Symbiose aus Hardcore-Wut und Punkrock-Rotzigkeit. Und zur Feier der Veröffentlichung gibt es knapp drei Stunden angenehm aufs Dach. Bereits die Kieler Knüppel-Kollegen von Any Port In The Storm hatten den Roten Salon der Pumpe beackert, bevor Static Radio aus New Jersey mit Melodic Hardcore und Punk-Versatzstücken alle einluden, die Rock aufwärts sämtlicher härterer Gangarten bevorzugen. Es ist der Start der gemeinsamen Tour, mit der vor allem Tackleberry ihren Ruf als formidable Live-Band stärken und ausbauen wollen.

Sänger Johannes alias Hammer geht mit gutem Beispiel voran: Wie ein im Käfig gefangenes Raubtier jagt er von einem Bühnenrand zum anderen, immer an den Gitterstäben entlang, faucht dazu ins Mikro, spuckt an die Decke. Und trotz aller hochgradig zur Schau getragenen Aggressivität wirkt er dabei überaus sympathisch und charismatisch.

Da bei ihren Songs in zwei Minuten der Boden umgepflügt wird, zieht der druckvolle, leidenschaftliche Tackleberry-Auftritt rasend schnell vorbei. In Erinnerung bleiben die schlicht gestrickten, aber großartigen Kracher "12 And A Half Minutes" oder "Group Sociology, Lesson One". Peder (Drums), Mäxchen (Bass, Gesang), Karacho (Gitarre, Gesang) und Aiko (Gitarre) gönnen sich und dem Moshpit keine Verschnaufpausen, agieren mit eruptiver Wucht und unterlegen viele Refrains mit Shoutparts zum Mitgrölen.

So lässt sich das Publikum gerne zum Ungehorsam anstacheln, wenn Hammer bei "Me And The Pistkit" schreit: „Who are the shoplifters, file sharers, fare dodgers, deniers of the assigned roles? You are friends in mind, you keep the doubt alive, like a suspicious sound at night”. Auch andere Stücke thematisieren System- und Kapitalismuskritik. Nur halbernst dagegen sein Wunsch nach Feindbildern: „Ich hab Bock zu hassen, aber das ist gar nicht so einfach“. Zu diesem Zeitpunkt ist er eh schon gezeichnet von einer Mischung aus Schweiß, Adrenalin und Erschöpfung.

KN-Online