Hingerotzte Tanzbarkeit: Das Duo The Black Cherries ritt im Luna ungestüme Klangattacken


Ganz schön mutig von Pascal Finkenauer und JF Sebastian, zu zweit den Punkrock der Jetztzeit retten zu wollen. Für das Duo von The Black Cherries gibt es kein Verstecken, kein Hintertürchen oder Ausruhen auf der Bühne, sondern vollen Einsatz, bis das Repertoire ausgeht. Beim Konzert im Luna hätte es wohl nur ein paar Dutzend mehr Zuschauer bedurft, um aus einer kurzweiligen Stunde noch mehr Intensität herauszukitzeln.

Kill All The Lovesongs heißt ein Lied auf dem Debütalbum der Lüneburger. Nein, nicht New York oder Berlin. Lüneburg. Pascal schreit sich darin seinen Frust von der Seele, wenn im Radio andauernd Liebeslieder gedudelt werden, während man selber unglücklich verliebt ist. Die Wut, mit der das Radio den Weg aus dem Fenster finden soll, wird bei den Schwarzkirschen musikalisch genutzt und in ungestüme Klangattacken umgewandelt. Die oft gezogenen Vergleiche zu angesagten "The"-Bands hinken oder gehen am Stock, die hingerotzte Tanzbarkeit jedoch ist absolut zeitgemäß. So stehen sie nebeneinander auf der karg ausgestatteten Bühne: Pascal mit E-Gitarre und Mikro, Sebastian an zwei E-Drum-Pads, die er mit Sticks bearbeitet. Links die Snare-Drum, rechts die dumpfe Bass-Drum. Jeder Schlag ein knallender Treffer, einem Kompanietrommler gleich: links-rechts-links-rechts. Der Bass wie auch einige andere Instrumentalspuren fügt der DAT-Recorder hinzu, komplett aus der Dose.

Nach drei Songs steht Pascal bereits der Schweiß auf der Stirn und tropft vom Kinn, während er an der Gitarre wütet und gleichzeitig die Texte mit Nachdruck unters Volk bringt. Doch die anfängliche Originalität der Besetzung nutzt sich irgendwann ab und verlangt nach Innovation. Vielleicht liegt es an der mangelnden Resonanz oder der Kieler Zurückhaltung an diesem Abend, aber so ganz wird der Schalter in Richtung Punkrock-Party nicht umgelegt.

Bei den Coversongs von Willie Nelson (Always On My Mind) und Bruce Springsteen (I'm On Fire) kann zumindest mitgesungen werden, auch zur trashigen Black Cherries-Version. Die schlaksigen Twens spielen ironisch mit der Situation und dem Rockstar-Ding, betonen die intime Atmosphäre, sprechen aber auch von Konzerten vor 10000 Leuten und bearbeiten bei Hey Dude (Any Given Day) mit Beatles-Anleihen die Gitarre theatralisch auf den Knien rutschend. Das macht sie so sympathisch, da sie ihren wahren Status wohl kennen. Und das hat dann Charme, Witz und Energie, trotz oder gerade wegen der Reduziertheit des Konzepts. Von Henrik Drüner

nordClick/kn vom 02.04.2004 01:00