The Naked and Famous


Selbsterfüllende Prophezeiung

Die BBC tut es. Der NME auch. Und selbst VIVA ist dabei – falls das noch jemanden interessiert. Aber was eigentlich? Sie alle beschreien den großen Durchbruch von The Naked And Famous für dieses Jahr. Henrik Drüner überzeugte sich beim Tour-Auftakt in London davon, dass mit dem vielschichtigen Alternative Pop der neuseeländischen Band die musikalischen Voraussetzungen dafür ideal sind.

An einer gesunden Portion Selbstbewusstsein mangelt es den Mitgliedern von The Naked And Famous nicht: "Wir waren zuerst da. Wenn die Probleme machen, werden sie fertiggemacht!" giftet Thom Powers, angesprochen auf das gleichnamige Jeans-Label aus Japan. Powers ist der smarte Gitarrist des Quintetts und neben Sängerin Alisa Xayalith maßgeblich verantwortlich für das Songwriting beim Debütalbum "Passive Me, Aggressive You". Dass sich The Naked And Famous so weit aus dem Fenster lehnen können, beruht neben der darauf zu hörenden Musik auch auf den medialen Vorschusslorbeeren: Im "BBC Sound Of 2011"-Ranking wurden sie in den Top 15 platziert, vom NME-Magazin in die "Ones To Watch"-Liste aufgenommen, und VIVA schnappte sich die erste Single "Young Blood" als Werbesong zur eigenen Vermarktung.Nur drei von vielen medialen Aufmerksamkeitsmomenten, gibt Thom Powers mit breiter Brust zu verstehen: "Ich sehe es als Teil einer natürlichen Entwicklung. Wir kommen ja nicht aus dem Nichts oder müssen bei null starten. Die meisten neuseeländischen Bands müssen zwar erst den australischen Markt erobern, den Schritt konnten wir dank des Erfolgs zu Hause zum Glück überspringen."

Stattdessen geht es auf ein dreimonatiges Schaulaufen im Wechsel zwischen England, Nordamerika und dem europäischen Festland. 42 Termine für eine Band, deren Mitglieder (außerdem noch David Beadle, Aaron Short und Jesse Wood) alle zwischen 22 und 24 Jahre jung sind und erst 2008 in Auckland mit dem Musikmachen anfingen. Als Alternative-Pop-Band sind sie in ihrer Heimat zwar ziemliche Exoten (was in den 1990ern dank des international renommierten Flying-Nun-Labels mal anders war) und müssen ohne symbiotisches Netzwerk auskommen, dem Erfolg tat es aber keinen Abbruch: Sie schafften es mit "Young Blood" bis auf Platz 1 der nationalen Charts, was vor ihnen drei Jahre lang keinem einheimischen Act mehr gelungen war.

Beim Interview im Londoner Cumberland Hotel am Marble Arch reiten die fünf auf einer bandinternen Humorwelle und machen den Eindruck, als würden sie die drei Tourmonate auf engstem Raum nicht nur schadlos überstehen, sondern als großen Schulausflug genießen. Gemeinsam grübeln sie über der Karte, was zum Mittagessen aufs Zimmer geliefert werden soll, beim Fotoshooting wird ausgelassen im Doppelbett getobt. Generell steckt ihnen aber die 12-stündige Zeitverschiebung noch in den Knochen. Allerdings hilft der erfolgreiche Tourauftakt am Vorabend beim Wegstecken. Alisa schwärmt, wie schnell das alles gegangen sei und gut es sich anfühle. Thom gibt sich etwas abgeklärter, spricht vom "hohen Anspruch", den sie an ihre Live-Auftritte haben, gesteht sich selbst aber einen "guten" Gig zu. Allerdings nicht, ohne hinzuzufügen, dass sie gerne "viel mehr Tools und kleine Helfer" auf der Bühne hätten, um die Show so richtig spektakulär zu machen. Das sei aber erst möglich, wenn sie keine "finanziellen Grenzen" mehr gesetzt bekämen. "Und daran arbeiten wir", wirft Alisa ein.

One Night In London

In Wahrheit hätte der Tour-Auftakt am Vorabend nicht besser laufen können: Das Heaven am Charing Cross, normalerweise unter der Woche ein Gay Club, war mit 1000 Zuschauern ausverkauft. The Naked And Famous setzten ein Ausrufungszeichen. Sie begannen das Set mit "All Of This Time", "Punching In A Dream" und "Girls Like You", alles Songs mit klassischem Indie-Profil, elektronischem Charme und tollen Pop-Melodien. Vor dem Hit "Young Blood", auf den alle warteten, überraschten die Neuseeländer mit viel Freistil und experimentellen Phasen. Thom Powers erklärt: "Da kommen unsere Wurzeln durch. Wir hören ja sehr unterschiedliche Bands. Im letzten Jahr waren es vor allem die fantastischen Health oder auch Fuck Buttons: Typen, die elektronische Tanzmusik machen, wo du aber immer das Gefühl hast, dass sie im Grunde vom Noise-Punk kommen."

Diese Lust am Ausprobieren merkt man The Naked And Famous an, obwohl sie konventionelle Popsongs mit Strophe und Refrain schreiben. Wenn die Chance besteht, Elemente hinzuzufügen und im Studio die Ideen weiter auszureizen, rennt man bei ihnen offene Türen ein. Thom und Aaron (Synthies, Programming) produzierten das Album als Team: "Dann hat man zwangsläufig auch den größten Einfluss auf den Ausgang - und somit auch auf den experimentellen Anteil", so der Tasten-Nerd Aaron. "Dass die Singles so gut klingen, liegt sicher auch daran, dass wir sie als Band eingespielt und sich die Endversionen erst nach sehr viel gemeinsamer Probenzeit gefunden haben." Kollegin Alisa Xayalith führt den letzten Punkt weiter aus: "Bevor wir erstmals live spielten, wollten wir eine klare Vorstellung davon haben, was wir eigentlich mit der Gruppe und der Musik bezwecken. Viele Bands existieren allein aus der Lust der Leute darüber, in einer Band zu spielen. Für uns war es wichtig, erst den kompletten Weg von Songwriting, Aufnahme und Produktion zu bestreiten, bevor wir uns über die Live-Situation Gedanken machten." Auf der Bühne ist Alisa die Aktivperson, hüpft und mosht, ohne jedoch zu sehr in den Fokus zu rücken. Sie will nicht betont sexy wirken, gibt sie schüchtern-sympathisch zu verstehen - eine Zuschreibung, die letztlich auch auf ihre Bühnenpräsenz zutrifft.

"Young Blood" funktionierte - gemessen an den Reaktionen des Publikums - für den ersten Abend ausgesprochen gut. "Ist schon ein richtiger Hype um diesen Song", bekräftigt Powers am nächsten Tag. "Aber es fing ganz klein an: Einige DJs spielten ihn bei uns, Radioshows stellten ihn vor, dann kam das Video, das durch Blogs rumgereicht wurde. Geholfen hat sicher auch das Engagement von unserem Label Neon Gold. Mal sehen, wie das alles in Deutschland laufen wird, vielleicht gibt es ja auch da so ein Schneeballsystem."

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